Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 21.1910

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Carl Friedrich Schinkels bildliche Darstellungen griechischer Hypäthraltempel

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zu verlangen, wie sie z. B. der kundige Schinkel für den
Apollotempel in der Oper Alcestis angegeben hat . . .« Von
besonderem Interesse jedoch dürfte es sein, zu erfahren,
wie Schinkel selbst in einem bisher unveröffentlichten, an
den Grafen von Brühl gerichteten Schreiben über Einzel-
heiten der Darstellung jenes apollinischen Hypäthros sich
äußert. Der nur in einer Abschrift von Teichmanns Hand
erhaltene Brief) lautet:

Herrn Hofrat Böttigers gütiges Urteil über meine De-
korationsentwürfe, welches Ew. Hochgeboren die große
Gefälligkeit gehabt haben mir mitzuteilen, erkenne ich mit
dem größten Danke, um so mehr, da ich mir bewußt bin,
daß viele dieser Bearbeitungen etwas übereilter, als rat-
samer gewesen wäre, und in Zeiten betrieben worden sind,
da mich durch meinen Dienst mancherlei andere wichtige
Gegenstände sehr beschäftigten, und der Zustand meiner
Seele nicht ganz rein für die Produktion von Gegenständen
der schönen Kunst blieb.

Was den Gedanken betrifft, auch die Kehrseite des
Giebels für den innen offenen Tempel der Griechen (hypae-
thros) mit einem Basrelief zu zieren, so schien mir dieser
Gedanke sehr natürlich, obgleich darüber aus dem Altertum
nichts bekannt geworden. Es ist übrigens dabei gedacht
worden, daß diese in der Dekoration zu Apollos Tempel
gesehene, verzierte Giebelseite nicht die Rückseite des auf
den vordem Eingangssäulen ruhenden Giebels sei, welche
man bei dem engen Raum im Innern des Tempels nicht
sehen konnte, indem dieser Giebel um die Tiefe der ganzen
Vorhalle zurückstand, sondern, daß dieses Basrelief einem
Giebel angehörte, der notwendig dicht an der innern offe-
nen Tempelhalle stand und mit jenem erst gedachten Vorder-
giebel das hohe Dach einschloß, was die Vorhalle be-
deckte. Von dergleichen Giebeln gibt es überall die Spuren,
ich führe nur den Tempel der Concordia zu Agrigent an;
aber die Spuren sind sehr dürftig, und es scheint, daß bei
den häufigen Zerstörungen, welche besonders immer die
Dächer der Tempel zuerst trafen, diese Giebel leicht ihren
Untergang fanden, und man also wohl annehmen konnte,
daß mancher dieser inneren Giebel hätte verziert gewesen
sein können. In späteren Zeiten, wo man unbedeckte Räume
gar nicht mehr brauchte, und diese Tempelhallen entweder zu
christlichen Kirchen oder anderen Zwecken umformte, legte
man gewöhnlich ein neues Dach über den ganzen Tempelbau,
und hierdurch wird jener innere Giebel unnütz, ja hinderlich,
deshalb schon dadurch seine Zerstörung begründet wird.

Das Basrelief in dieser sonst sehr nackt aussehenden
Fläche scheint mir zwar am natürlichsten und dem Geiste
des Altertums am angemessensten, indes wäre es auch wohl
möglich gewesen, daß die Fläche mit Fresco ausgefüllt war;
vielleicht auch konnte sie mit Metallskulptur belegt gewesen
sein, um das Prächtige des inneren Eindrucks der Tempel
zu erhöhen; und daher könnte es auch kommen, daß so
wenig Spuren übrig sind, weil diese Metallreliefs gewiß
zuerst geraubt wurden. Gewiß ist es, daß die nackte Fläche
dieser Giebel nicht stattfinden konnte, wenn der Anblick
des ganzen Inneren dieser Gebäude harmonisch wirken
sollte, und so freut es mich schon sehr, daß ein so großer
Antiquar als Herr Hofrat Böttiger den Gedanken, welchen
ich in Anwendung gebracht habe, um diesem Übelstande
zu entgehen, nicht ganz unangemessen und wenigstens für
Dekorationen an seinem Platz gefunden hat.

Indem ich nochmals Ew. Hochgeboren meinen ver-
bindlichsten Dank für die gütige Mitteilung abstatte, ver-
harre ich Ihr Schinkel.

Berlin, 17. Januar 1820.

1) In Bd. 174 der im Besitze der Kgl. Öffentlichen
Bibliothek zu Dresden befindlichen Briefe an C. A. Böttiger.

Schinkel rechtfertigt in seinem Schreiben in der Haupt-
sache die Ausschmückung des die Rückwand der Cella
krönenden Giebels mit einem Basrelief, der seiner Ansicht
nach ohne diesen Schmuck auf den von der Vorhalle aus
in das Tempelinnere blickenden Beschauer kahl und nüch-
tern wirken müßte. Giebel oberhalb der Cellawände hatte
Schinkel, wie er selbst angibt, unter anderem am Tempel
der Concordia zu Agrigent wahrgenommen, den er auf
seiner ersten Kunstreise am 6. und 7. Juni 1804 eingehend
besichtigte1) und von dem er an Ort und Stelle zwei noch
erhaltene Federzeichnungen, sowie ein Bild in Wasserfarben
entwarf2). Nur insofern befand sich der Künstler mit seinen
Beobachtungen im Irrtum, daß er einmal jenes sizilische
Heiligtum für einen Hypäthraltempel hielt, und weiter,
daß er die dreieckigen stützenden Mauern über der Opistho-
domfront sowohl wie über der Türwand, die, wie wir heute
wissen, keinen anderen Zweck hatten, als das oberhalb der
horizontalen Decke befindliche flache Satteldach tragen zu
helfen3), für zwei den hypäthralen Innenraum umrahmende
Schmuckgiebel hielt. Jedenfalls sind Schinkels briefliche
Äußerungen über seinen Apollotempel ein deutlicher Be-
weis dafür, wie ernst es der Meister, auch in Einzelheiten,
mit seiner Kunst nahm, und daß er das höchste Ziel der-
selben darin erblickte, im Großen wie im Kleinen vor allem
wahr zu sein.

Dreieinhalb Jahre nach der Erstaufführung der Alceste,
im Jahre 1821, entwarf Schinkel für den ersten Akt der
Spontinischen Prunkoper Olympia4) das glanzvolle hypä-
thrale Innere eines jonischen Riesentempels6), des von
Deinokrates, dem berühmtesten unter den Baumeistern
Alexanders des Großen, nach dem gewaltigen Brande des
Jahres 356 n. Chr. um so prächtiger wiederaufgebauten
achtsäuligen dipteralen Artemisions zu Ephesus6). Über
den langgestreckten offenen Cellaraum sehen wir hier zum
Schutze gegen die allzugrellen Strahlen der südlichen Sonne,
sowie gegen Regen, Staub und Wind kostbare buntgewebte
Tücher gespannt, in der Art, wie Bötticher (a. a. O. II 369)
und Wood (a. a. O. 270) sie sich vorstellten, während aus
einer im Hintergrunde der Cella befindlichen, mit einem
breiten Fries geschmückten Aedicula das Bild der Gottheit
ehrfurchtgebietend hervorragt'). Ob die Cella des Artemis-
tempels zu Ephesus in ihrer ganzen Ausdehnung nach oben
offen stand, wie Schinkel und Wood annehmen, ob sie nach
Fergussons Meinung8) im wesentlichen überdacht war und

1) Aus Schinkels Nachlaß I 98, 122 f.

2) Ebd. IV 474 und Berliner Kalender auf 1844, S. 329.

3) Vgl. die eingehenden Darlegungen und Nachweise
bei Koldewey und Puchstein a. a. Ö. 175 f. und 211, sowie
Abbildung 151 auf S. 171.

4) Aufgeführt am 14. Mai 1821, vgl. Teichmanns lite-
rarischen Nachlaß 142, H. v. Krosigk a. a. O. 346, sowie
den Bericht in der allgemeinen musikalischen Zeitung XXIII.
Jahrg. Nr. 25, S. 440 vom 20. Juni 1821.

5) Sammlung von Schinkels Theaterdekorationen Taf. 4.

6) Vgl. Vitruv, de architectura III 2, 7 und dazu F.
Adler in den Abhandlungen der Berliner Akademie Phil.-
hist. Klasse 1872, S. 36 f; E. Curtuis, Ephesos 21 (Berlin
1874); J.T.Wood, Discoveries at Ephesus 264 ff (London
1877); J. Dürrn, Die Baukunst der Griechen, 2. Aufl. 273
(Darmstadt 1892); W. Lübke, Grundriß der Kunstgeschichte
I», 150, 166. (Stuttgart 1899); A. Springer, Handbuch
der Kunstgeschichte I' 119, 256. (Leipzig 1904.)

7) Auch Wood (a. a. O. Plan zwischen S. 262—63)
nimmt an, daß die Artemisstatue ihren Platz an der Rück-
wand der Cella hatte.

8) Vgl. James Fergusson, The temple of Diana at Ephe-
sus 20 ff und den Plan am Schlüsse. (London 1883.)
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