Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 21.1910

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Sammlungen

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einigen baulichen Fehlern abgesehen, der Kritik standhalten.
Die unter Prof. Neumanns feinfühliger Hand neu organi-
sierten Sammlungen, zu denen mehrere Neuerwerbungen,
wie Prof. Feddersens schleswiger Wintertag im Dorfe,
hinzugekommen sind, machen einen guten, wirklich aufge- j
frischten Eindruck in der sparsamen Verteilung der durch
Oberlicht schön beleuchteten Haupträume im 1. Stockwerk.
Weniger günstig sind die etwas kleinen Nebenzimmer mit
Seitenlicht, wo z. B. das Porträt des Geheimrats Hähnel,
gemalt von Oraf von Kalckreuth, kaum glücklick zur Gel-
tung kommen kann. Auch wäre ihm ein anderer Rahmen
zu wünschen. Diese im ganzen erfreulichen Beweise refor-
matorischer Tätigkeit seien, ohne auf Details zu weit ein-
zugehen, an dieser Stelle mit Genugtuung und Freude am
Fortschritt in der Heimat hervorgehoben!

Wilhelm Schölermann.

o Mannheim. Der Stadtrat hat die Bereitstellung von
115000 Mark zum Ankauf von Kunstwerken für die städ-
tische Galerie durch eine gleichzeitig ernannte Einkaufs-
kommission beschlossen.

Nach langen Jahren der Stille hat die Kaiserliche
Ermitage in St. Petersburg endlich wieder eine Reihe
glanzvoller Bereicherungen zu verzeichnen. Die wichtigste
ist der Ankauf der allen Freunden holländischer Kunst be-
kannten Gemäldesammlung des Reichratsmitgliedes Wirkl.
Geheimrats P. P. Semenow-Tian-Schanski, die über sieben-
hundert niederländische Gemälde aus der Zeit von Pieter
Aertsen bis auf die spätesten Ausläufer im 18. Jahr-
hundert enthält. Vielleicht von gleicher Bedeutung ist die
bevorstehende Angliederung der alten Porzellan- und
Säberschätze des Winterpalais an die Kostbarkeitengalerie
der Eremitage. Hauptsächlich französisches Silber mit
Werken von Fr. Th. Germain und Claude Ballin an der
Spitze, sodann englisches mit den größten Schöpfungen
von Paul de Lamerie, weiter dänisches und deutsches geht
in die Eremitage über. Vom Porzellan sind Sevres und
Meißen als ganz außerordentlich zu nennen, sodann Wien
und Berlin und die Petersburger Manufakturen. Im Zu-
sammenhang mit dieser Erweiterung wird der bisherige
Bestand an Kostbarkeiten aller Art in einen anderen lichten
sehr geeigneten Saal übersiedeln und hier mit den schönen
Möbeln der Eremitage, die bisher lediglich als Dekorations-
stücke dienten, vereinigt werden.

Für die Sammlung italienischer Bilder ist ein Brust-
bild des hl. Sebastian von Perugino, ein Stück von großer
Schönheit und trefflicher Erhaltung aus Privatbesitz ange-
kauft worden. Die Bedeutung dieses Kaufes für die an
früheren Italienern so arme Eremitagegalerie ist augenfällig.
Fast gänzlich mangelten ihr bisher die Trecentisten: neuer-
dings wurde eine Reihe davon aus den Vorräten des Alex-
ander-Museums, wohin sie vor Jahren durch ein halbes
Mißverständnis gekommen waren, überwiesen. An son-
stigen Gemäldekäufen seien ein Bild von Gerard Hoet
und ein Frauenporträt vielleicht von Mme. Labille-Quiard
genannt. Bei der Revision des Vorrates gelangten in
die Galerie ein anonymer Vlame aus der Umgebung
van Dycks, ein Seb. Vrancx, ein Jan Hughtenburg, ein Maert-
sens dejonghe, zwei schöne Castigliones — und als eine
große Überraschung ein Jüngstes Gericht von einem Ham-
burger Meister um 1410.

In die Sammlung neuerer Skulpturen gelangten durch
Kauf ein schönes bezeichnetes Marmormedaillon mit dem
Bildnis der Kaiserin Katharina II. von Anne-Marie Collot
und als Vermächtnis des Staatssekretärs Polowzow die
Statue eines Hirtenknaben von Thorwaldsen. Ausgeschieden
sind die in der Eremitage aus Mißverständnis zurückgeblie-
benen Büsten der Kaiserin Katharina, des Fürsten Potem-

kin und des Grafen Orlow von Tschesma, alle drei Arbeiten
des Russen Schubin, die ins Alexandermuseum gingen.

Für die Antikenabteilung ist ein bedeutender Gold-
fund, der bei Stawropol im Kaukasus gemacht wurde, er-
| worben. Er imponiert schon durch die Masse, er enthält
nämlich mehr als ein Pud, also über sechzehn Kilogramm
Gold. In den Typen erinnert er an die früheren in Sibirien
gemachten Funde.

Von den Erwerbungen der Abteilung für Mittelalter
und Renaissance ist ein schönes emailliertes byzantinisches
Enkolpion zu nennen.

Auf alle diese Bereicherungen, die in der kurzen Frist
von fünf Monaten durchgesetzt wurden, seit Graf D. I.
Tolstoi die Generaldirektion der Eremitage übernahm, ist
in Zukunft näher einzugehen. Am Schlüsse dieser vor-
läufigen Meldung sei noch erwähnt, daß die »Galerie
Peters des Großen«, die allerhand Reliquien des Kaisers
enthielt, aus der Eremitage in die Akademie der Wissen-
schaften übergesiedelt ist, die Eremitage damit den letzten
Rest des Charakters der »Kunstkammer« Genre dazumal
abgestreift hat. -chm—

Museum »Lakenhai« in Leiden. Der Jahresbericht
über 1909 bespricht sehr eingehend die wenigen Neu-
erwerbungen, die das Museum zu verzeichnen hat; es sind
drei Werke von Leidener Kindern; ein signiertes Stilleben
von P. van Steenwyck zur Verherrlichung des Admirals
Tromp [79x101], auf einem Tisch sieht man die üblichen
Attribute der Vergänglichkeit, eine ausgelöschte Kerze,
einen Totenkopf usw., und dann als Symbol des Welt-
ruhms Tromps eine Erdkugel mit einem Lorbeerzweig,
eine aufgeschlagene lateinische Leichenrede auf seinen Tod
und auf einem Blatt Papier sein Porträt. Die Farbe be-
wegt sich in feinen Ubergängen zwischen Graubraun und
Rot. — Der Herr C. Nardus in Suresnes bei Paris schenkte
der Sammlung ein Selbstporträt von Frans van Mieris, das
bezeichnet und 1670 datiert ist [z^lnX^U]; der Darge-
stellte steht hinter einer steinernen Brustwehr, auf die er
sich mit dem einen Arm aufstützt. Ein Vergleich dieses
flott gemalten Porträts mit anderen bekannten Selbstbild-
nissen in München und Schwerin läßt keinen Zweifel, daß
man es wirklich mit einem Selbstporträt des Künstlers zu
tun hat. Die dritte und wertvollste Neuerwerbung ist eine
Winterlandschaft von /. van Ooyen (Oval, Durchmesser 25),
bezeichnet und datiert 1612; auf einem zugefrorenen Wasser
bewegen sich mehrere Schlittschuhläufer, links liegen einige
eingefrorene Baumstämme; rechts ein altes Gebäude; der
Himmel ist von weißen Wolken bedeckt. Das Werkchen
ist deshalb so interessant, weil es im Alter von 16 bez. 17
Jahren gemalt sein muß und so vielleicht das frühest datierte
Werk des Meisters ist; es ist in der mehr farbenreichen
Palette seiner ersten Zeit gemalt und verrät in der Zeich-
nung der Figuren noch einige Unbeholfenheit. Das Ge-
mälde wurde auf einer Versteigerung bei Fred. Muller
(31- Nov. 1909) erworben. m. d. h.

Museum Boymans in Rotterdam. Dem soeben
erschienenen Jahresbericht des Museums Boymans in
Rotterdam entnehmen wir als Ergänzung zu unserem
Artikel in der Mainummer der »Zeitschrift für bildende
Kunst« kurz folgendes. Die Sammlung der Handzeich-
nungen hat einige bemerkenswerte Neuerwerbungen zu
verzeichnen. Der Herr Stephan Bourgeois schenkte eine
sehr interessante Federzeichnung auf blauem Papier, die
von dem Schenker auf Adriaen Brouwer getauft war, tat-
sächlich aber als ein charakteristisches Werk von Adriaen
van Ostade, unter Brouwers Einfluß angesehen werden
muß. Der Jahresbericht enthält die Abbildung. Von
einem Rotterdamer Herrn erhielt die Sammlung eine köst-
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