Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 21.1910

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Japanische Kunst auf der japanisch-englischen Ausstellung in .London

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zwei Säle geschlossen werden mußten. Für einen
Raum, in dem die Bilder nach japanischer Weise
hätten gezeigt werden können, war merkwürdiger-
weise auch nicht gesorgt. Ich habe unter diesen
Umständen nur einen Teil der Gemälde gesehen,
glaube aber zu einem Urteile schon auf Grund des
Katalogs (Tokyo, Shimbi Shoin, anscheinend noch
nicht ausgegeben) berechtigt zu sein, da ich fast alles
von Japan her kenne.

Die großen Schulen der japanischen Malerei sind
sämtlich gut und charakteristisch vertreten — am
stärksten die späteste und gleichgültigste, das Ukiyoe,
dem die an hundert Bilder zählende, in usum Angliae
zusammengestellte Pseudonyme Sammlung Fukuba
äußerlich eine ganz unverhältnismäßig große Be-
deutung gegeben hat, am schwächsten merkwürdiger-
weise die nationaljapanische Tosaschule, die in Europa
am wenigsten bekannt ist und am häufigsten verkannt
wird. Nur die köstliche Tierrolle des Tempels Közanji,
die wohl mit Unrecht den Namen des Toba Söjö
trägt und dem 13. Jahrhundert angehört, zwei der
genialen Rollen mit dem Leben des Sugawara no
Michizane (Kitanotempel), die mit gleichem Rechte den
Namen des Nobuzane tragen, und die satirische Rolle
des »Tenguzöshi« von 1296, im Besitze des Vic.
Akimoto, wahren die Ehre der Schule. Von der
herrlichen religiösen Malerei Japans dagegen geben
zahlreiche Meisterwerke aus allen Perioden die beste
Vorstellung. Der grandiose Kongo Rikku des Köyasan-
klosters, eines der großartigsten Monumente des T'ang-
stils, der prachtvolle Yakushi des Ochiin, der Miroku des
Hözanji, der klassische Fugen des Herrn Masuda, ge-
hören der Fujiwarazeit (9.—12. Jahrh.), die liebliche
Kwannon des Marquis Inoue, die 10 Welten des
Raigöji, die 25 Bodhisattva des Jöfukuji, und der
Fugen mit den zehn Rakshasi desjöninji derKamakura-
periode (13. Jahrh.) an. Die beiden Rakan des Minchö
(1352—1431), übermalte Reste einst gewaltiger Bilder,
fallen daneben stark ab. Die großen Künstler der
chinesischen Renaissance des 15. und 16. Jahrhunderts
sind dagegen fast durchweg meisterlich vertreten. Der
größte, Sesshü (1420—1506), durch vier Landschaften
sehr verschiedenen Stils, darunter die beiden Land-
schaften des Manjuin, seine Hauptwerke, und die
großartige Landschaft in der Art der »südlichen«
Schule bei Vic. Matsudaira, sein fast ebenbürtiger
Schüler Sesson (1450—1506) durch seine beiden
feinsten Landschaften (Museum, Tokyo) und einen
schönen Reiher (Vic. Matsudaira Noritsugu). Von
Shübun, dem seltenen Stifter der Schule, eines seiner
unzweifelhaften Werke, die Landschaft des Mar-
quis Hachisuka, und die sehr schöne, aber nicht
völlig sichere Landschaft beim Marquis Inoue, von
dem noch selteneren Sötan (f c. 1470) die Landschaft
des Grafen Date und der Rinderhirt des Vic. Akimoto,
dessen Autorschaft nicht völlig feststeht, von Keishoki
die vorzügliche Landschaft der früheren Sammlung
Hirase, jetzt des Herrn Nezu. Nur die drei großen
Künstler der Ami-Familie, Nöami, Geiami, und Söami,
kann man nicht kennen lernen. Die dem Söami (um
1500) zugeschriebene große Landschaft des Vic. Fu-

kuoka ist aber mindestens eine gleichzeitige und vor-
zügliche Arbeit. Von den jüngeren Meistern der
Sesshüschule zeigt die Ausstellung zwei Hauptwerke:
von Unkoku Togan(i6. Jahrhundert) die ungewöhnlich
guten Landschaftsschirme des Herrn Kimura und von
Hasegawa Töhaku (1539—1610) vielleicht seine besten
Bilder, die Affen des Tempel Ryüsenan. Den Stifter
der Kanoschule und ihren größten Meister Masanobu
('453—1490?) repräsentieren die wunderschöne, leider
nachträglich gestempelte Landschaft des Vic. Akimoto
und die Landschaft des Grafen Date, seinen Sohn
Motonobu (1476—1559), den Schöpfer der Kano-
orthodoxie, der meisterliche Wasserfall des Grafen
Akimoto, ein kraftvolles Jugendwerk, die akademisch
abgeklärten Landschaften des Tökaian und des Grafen
Date, und die Vogelbilder, die zu der Fusumadekoration
des Reiunin gehören. Von den späteren Kanomeistern
ist vor allem Morikage (17. Jahrhundert) zu nennen,
dessen Affenbild (Baron Yokoyama) alle von mir bisher
gesehenen Gemälde des Meisters übertrifft. Von den
großen Künstlern der Köetsu-Sötatsu-Körin-Schule ist
nur Körin (1661?—1716) in seiner vollen Bedeutung
zu erkennen: die beiden Wellenschirme des Baron
Iwasaki und die kolossalen Mumebyöbu des Grafen Tsu-
garu, wie die Azalee des Herrn Dan gehören zu seinen
reifsten und bezeichnendsten Produktionen. Die Maler
des Bunjingwa, der Maruyama- und Shijöschulen end-
lich sind durch zahlreiche wichtige Werke, aber nicht
immer vorteilhaft vertreten. Die beiden trefflichen
Landschaften des T. Bunchö (1763—1842) beim Grafen
Tokugawa (Tayasu), die Bambussprossen des Goshun,
(1752—1811, Sammlung Kose) und die Tierrolle des
Rosetsu (1755—1799, Sammlung Yasuda) verdienen
eine Hervorhebung. Daß auch Gemälde sehr zweifel-
haften historischen Charakters nicht fehlen, ist bei
einer japanischen Sammlung von solchem Umfange
(296 Bilder) selbstverständlich.

Unter den aus begreiflichen Gründen wenig zahl-
reichen Skulpturen seien der Bronzemiroku der kaiser-
lichen Sammlung, früher im Höryüji (7. Jahrhundert),
der Engel und Phönix vom Baldachin des Höryüji-
tempels (7. Jahrhundert), die schöne Bronzetür der
großen Laterne des Tödaiji (8. Jahrhundert), die
ausdrucksvollen Gigakumasken des Höryüji, jetzt
in der kaiserlichen Sammlung (desgl.), der Shaka des
Höryüji, (9.—10. Jahrhundert), der feine Kokuzö des
Kongöji (11.—12. Jahrhundert) und die unvergeßliche
Porträtstatuette des Uesugi Shigefusa im Meigetsui'n
(13. Jahrhundert) genannt.

Von den besten und ältesten Lacken hat man
nur Kopien nach London geschickt. Original ist nur
der Deckel eines Sutrakastens im Besitze des Grafen
Tanaka, das Geschwister der berühmten Kyöbako im
Ninnaji, also aus dem Anfange des 10. Jahrhunderts.
Dem Beginne der Kamakurazeit (Anfang 13. Jahrhun-
dert) mag der mit Perlmutter eingelegte kostbare Sattel
des Marquis Hosokawa angehören, der unter dem
Namen Shigure no Kura allgemein bekannt ist. Von
der glänzenden Lackkunst der Ashikagaperiode waren
nur dürftige Proben zu sehen. Indessen kann die
Kopie eines berühmten Werkes des Igarashi Shinsai
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