Der Kunstwart: Rundschau über alle Gebiete des Schönen ; Monatshefte für Kunst, Literatur und Leben — 41,1.1927-1928

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zutreken. So hat sich auch der Geist, soferu er die Kunst nährt, laugc als
Opponent verhalkeu, und er konnte dies tun, solange Kritik, Erschütterung, Be-
nnruhigung und Fordcrung vonnöten war. Heute ist genau das Gegenteil ge-
forderk: Lebensstistung, Konsolidicrung der Welk, Llusbau einer neuen Wirk-
lichkeit. Dem Knnstgeiste, der dieser Forderung nichk genügk, ergeht es wic
einer Oppositionspartei, die nach erfolgreicher Nevolution nicht in die Ver-
antwortung für das Itkeue und Ganze einzutreten wagk: Selbstentkräftung,
Selbstentwirklichung sind die notwendigen Folgen.

So glaubc ich, daß es sich hcute in der Dichkung nicht um stets erneuerke 2lb-
wandlungen des ironischen Gelächters, der stoffscheuen, romankisierenden Gei-
stigkeit handelk, sondern um ein neues Ernj'tnehmen der Welk. Mik einem vollen
Blick auf das weikreichende Welkerkenncn und Welkanerkennen, das sich im
Bereich des Gedankens vollzogen hak, könnke Hölderlins Skrophe „An dic
Deukschen" wiederholk werden: „Oder kömmk, wie der Skrahl aus dem Ge-
wölke kömmk, aus Gedanken die Tak? Leben die Bücher bald? O ihr Lieben!
so uehmt mich, daß ich büße die Lästerung."

Der Staat

Ein Gespräch
Bon Alberk Trenkini

eutsch gesagk," unkerbrach ich endlich Ingral, weil sein SaH, von all;u

Temperamenk verschossen, in eincn Periodenknäuel zu verun-
glücken drohke, „du lehnst den ,Skaat^ grundsählich und schlechtweg ab?"
„Ilnsinn! Man müßke ihu erfinden, wenn er nichk fchon wäre! Das hcißt,
er selbst erfände sich steks wiedcr von neuem, solange Mcnschen auf der Erde
leben! Denn er ist Selbstverftändlichkeit! Auch morgen! Ich will doch, rum
Beispiel, Telegrammc aufgeben könncn! Und, was alle brauchen, kann in
alle Ewigkeik nichk jeder für sich allein machen! Nein, mcin Teuerster, ich
lehne ihn ebensowenig ab wie Chriftine, meine Köchin! 2lber ebensowenig
wie diese ist er mir noch ein Problem!"

„Aber den meiften anderen noch?"

„Was ich ihnen nichk vorwerfe! Weswegen ich sie nur — im Namen gei-
stiger Ökonomie — bedaucre. Das Problem ,Skaak^ ift bereiks überholk, sie
aber quälk... oder ergöhk es noch. Sie sind also — aber sie sind es unbc-
wußt — Anachroniften der Polikeia; vorvorgestrige; und deshalb beklagc
ich sie! Aber, ohne Spaß, sage: machst auch du dir, in der Tak, noch immer
Gedanken über den ,Skaak<?"

„Unablässig sogar!"

„Du bist unzufrieden mik dem gegenwärkigen?"

„Durchaus!"

„ltud kräumst von einem anderen, idealen?"

„Ob dic äußercn Möglichkeiken zu einem solchen, wie er uns Heutigeu enk-
spräche, gegebeu sein möchtcn, überlege ich mir."

„Denn die inncren . . .?"

„Sind gegeben. Wie sonst käme es, daß ich und hundertkausend andere über-
legen, was ich überlege?"

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