Ars: časopis Ústavu Dejín Umenia Slovenskej Akadémie Vied — 3.1969

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Die Avantgarden der bildenden Kunst
und die Gegenwart

EDUARD TORAN

Als Einleitung zum Thema, das die Avantgarden
der bildenden Kunst und die Gegenwart behan-
delt, möchte ich vorallem bemerken, dass ich
nur cimge freie Erwägungen aufwerfen möchte
und diese, hauptsächlich vom Gesichtspunkt der
gesamten Gestaltung des Lebensmilieus aus an-
schneiden möchte, auch habe ich nicht die Absicht,
mich hier mit der Malerei oder der Bildhauerei
zu befassen. Desgleichen handelt es sich auch um
keinen erschöpfenden oder festgelegten Entwurf
der allgemein bekannten Problematik, über die
ja noch hier weitere Frequentanten zu sprechen
gedenken.
Erlauben Sie jedoch, dass uns gleich zu Beginn
die Möglichkeiten des Themas ,,Die Avantgarden
der Bildenden Kunst und die Gegenwart" bewusst
werden. Vielleicht wird es — von Zeit zu Zeit —
nicht überflüssig sein, einige Begriffe zu erläutern.
Die Avantgarde ist ein Vorläufer, eine Perso-
nengruppe, eine Richtung, sind Pioniere, zu der
das .shuwA: (Handlexikon —
ČSAV) aus dem Jahre 1962 überdies noch fest-
stellt, dass diese beim Erkämpfen neuer kün-
stlerischer Ansichten in der Praxis Wert auf das
Experiment legt, besonders im Bereich der Form ( ? ).
Mit dieser Feststellung müssen wir nicht über-
einstimmen, wir müssen sie nicht akzeptieren
und für diesen Augenblick müssen wir sie auch
garnicht überprüfen.
Darüber, was alles bildende Kunst ist, pflegt
man auch zu diskutieren, doch glaube ich, dass
wir uns darüber alle einig sind, dass Architektur,
angewandte Kunst und Musterzeichung (Designe)
Bestandteile, Komponenten oder Seitenzweige
der Bildenden Kunst und nicht bloss talentierte
Nachbarn, Begleiter oder Gäste und Kunden der
Kunst sind. Ich konstatiere das nicht zugunsten

einer Stellungnahme zu den avantgardistischen
funktionalistischcn Aspekten, die seinerzeit die
Architektur ausgesprochen von der Kunst Do-
tierten, sondern auch darum, weil heute noch
ganz offiziell unklare Wortgefüge wie Architektur
und bildende Kunst" gebraucht werden, (als ob
die Architektur nicht dazu gehörte) und genau
so stossen wir auf verschiedene Erklärungen, die
entweder wohlwollend anerkennen, dass für Ar-
chitektur oder Designe dieselben Prinzipien gelten,
wie für die bildende Kunst, (was eigentlich eine
verborgene Form einer Trennung ist) oder auf
deutlich gegenteilige Ansichten, dass Designe und
bildende Kunst zwei verschiedenartige Erschein-
ungen seien. Jedoch geht aus beiden Ansichten
einträchtig hervor, dass noch heute bei der Ein-
gliederung vom Designe in die Disziplinen der
bildenden Kunst, Verlegenheit herrscht.
Und wenn wir schliesslich über die Beziehung
der Avantgarde-Kunst- zur Gegenwart sprechen
sollen, müssen wir vorerst sorgfältig bestimmen,
was alles und von welchen Aspekten aus wir
unter diesem elastischen Begriff ,,Gegenwart"
zusammenfassen: ob das Heute in gegenwärtigem
Sinn, einer eben anklingenden Periode, die wir
schon als fertige und fixe Situation ,,bis zum
heutigen Tag" wahrnehmen, oder als ^schöpfe-
rische Gegenwart", mit ihrem schöpferischen
und philosophierenden Gehalt, die sich soeben
erst gerade entwickelt und sich eben in der fol-
genden oder allernächsten Zeit dieses Zeitabstan-
des als ,,das Heute" zu realisieren — oder nicht
zu realisieren — beginnt. Dabei besteht jede
historische Erscheinung des ,,Heute" aus vielen
Schichten; sie ist mehrdimensional und durch
geographische, soziale, geschmackliche und andere
Aspekte teilbar.

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