Ars: časopis Ústavu Dejín Umenia Slovenskej Akadémie Vied — 3.1969

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Konrad Far 11 er

Die Oktoberrevolution und die Kunst

Die gewaltige, alle gesellschaftlichen Gebiete
erfassende Auseinandersetzung, die das zwanzigste
Jahrhundert einleitet und inmitten derer wir
uns noch befinden, kennt gleich zu Beginn zwei
ausserordentliche Gestalten, die, ein jeder in
seinem Raum, bis zur letzten Entscheidung Vor-
dringen: Wassily Kandinsky und Wladimir Iljitsch
Uljanow, genannt Lenin. Beide sind Russen;
und es ist nur folgerichtig, wenn die Radikalität
ihrer Anschauungen der Radikalität der gesell-
schaftlichen Gegensätze des Zarenreiches entspricht,
wenn ihr Aufstand sich in den Jahren der Stoly -
pinschen Reaktion formt und in der Emigration
den ersten Höhepunkt erreicht: in Kandinskys
Manifest ,,Über das Geistige in der Kunst" und
in Lenins Kader einer revolutionären Partei der
Bolschewiki. Es ist der metaphysische, künstle-
rische, individuelle Aufstand einerseits, der phy-
sische, politische, kollektive Aufstand anderseits,
es ist beidemale der Aufstand als das Maximum
des denkbar Möglichen.
Kandinsky wie Lenin wollen von Grund auf
neuordnen, wollen die Welt verwandeln, beide
entscheiden sich mit ihrer ganzen Existenz, sie
wollen alles und tun alles bis zu Ende. Beide
erheben umfassenden Anspruch, verlangen völlige
Preisgabe und sind unbeirrbaren Willens; sie sind
gegen Kompromissler und gegen Eklektiker. Beide
überschreiten die Grenzen des Gewohnten; sie
gehören dem gleichen Denktypus an, sie vermögen
ihre Gedanken konzentriert zu formulieren, sie
sind im Grunde Systematiker. Beide sind leiden-
schaftlich trotz schärfstem Verstand; sie besitzen
scharfe Augen und zugleich einen klugen Mund,
sie kennen den echten Humor und sind voller
gescheiter Ironie. Beide sind der Musik sehr
zugetan, sind philosophisch und literarisch ausser -
gewöhnlich gebildet. Beide sind im Umgang zu-
vorkommend und zugänglich, ohne jeglichen
Hochmut. Sie sind bescheiden, ohne äussere
Grösse und ohne Pathos, sie sind einfach und
besitzen doch die innere Totalität. — Die Ausei-
nandersetzung dieser beiden Russen ist weit mehr
als nur eine der herkömmlichen Auseinander-

setzungen zwischen zwei Haltungen; sie ist von
historischem Ausmass. Sie beginnt indirekt in den
Jahren 1905 und 1912 und endet direkt im Jahre
1923.
*
Fast in der Mitte dieser Jahre befinden sich die
,,Zehn Tage, die die Welt erschütterten", befindet
sich die Oktober-Revolution von 1917, findet sich
die Entscheidung schlechthin. Denn hier wird der
Aufstand verwirklicht, aber nicht der meta-
physische, sondern der physische, nicht der
persönlich-individuelle, sondern der kollektiv-ge-
sellschaftliche. Hier wird eine neue Freiheit nicht
nur der künstlerischen Gestaltung in Szene gesetzt,
eine Befreiung nicht nur von herkömmlichen künst-
lerischen Anschauungen, sondern eine Befreiung
vom bisherigen sozialen Schicksal, ja eine program-
matische Freiheit, die alles und jedes erfassen soll,
eine Freiheit, wie sie bisher bloss in den kühnen Vi-
sionen der Utopisten gesehen, wie sie nur in den
Ideenwelten von der,,Grossen Hoffnung", seit mehr
als zweitausend Jahren beschrieben wurde. Diese
Revolution wird als die Krönung aller bisherigen
Revolutionen deklariert, nicht nur als eine Revo-
lution der Kunst, sondern als eine Revolution der
Kultur, der Politik und der Wirtschaft, des
Menschen überhaupt.
Und wirklich fühlen sich nicht nur die russi-
schen Arbeiter und Bauern als Revolutionäre in
Freiheit gesetzt, sondern auch die russischen
Künstler. Das, was sie seit bald einer Generation
als Opposition gegen die akademische Malerei
oder gegen den Naturalismus und Historismus
vorgetragen, ja, all das, was seit Cézanne, van
Gogh und Gauguin geschehen, was sie als Fauvi-
sten und Expressionisten, als Konstruktivsten
und Rayonnisten, als Futuristen und Supremati-
sten in revolutionären Zirkeln und Bünden in den
Jahren vom 1900 bis 1916 manifestierten, sehen
sie endlich umfänglich rehabilitiert. Geradezu ein
Taumel bemächtigt sich ihrer, ein ,,Taumel des
Absoluten", um in der Sprache Malewitsch's
zu reden. Noch nie zuvor sahen sie eine solch freie

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