Ars: časopis Ústavu Dejín Umenia Slovenskej Akadémie Vied — 3.1969

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Radu Bogdan
Die Avantgarde-Bewegung in Rumänien und ihr Verhältnis zur Weltkunst

Die Diskusion über die Avantgarde-Bewegung,
die in der Zeitspanne 1909—1939 in der euro-
päischen Kultur und Kunst in Erscheinung trat,
die Erwähnung des rumänischen Ursprungs von
Künstlern wie Brancusi, Tristan Tzara, Marcel
Iancu, Victor Brauner und B. Herold, um nur die
berümtesten zu nennen, ist seit langem zu einem
gewohnten Gesprächsstoff geworden. Ich würde
also das Symposion mit allzu wenigen neuen
Elementen bereichern, wenn ich nun — ziemlich
verspätet im Vergleich zu den anderen — über
das rege Schaffen dieser Künstler — nachdem
sie ins Ausland übersiedelten — und vor allem
über die Zeit ihres Weltruhms sprechen und meine
Worte durch Beispiele erläutern würde. Deshalb
ziehe ich es vor, mit der Erklärung des Begriffs
Avantgarde, so wie ich ihn auffasse, zu beginnen.
Das Wort ,,Avantgarde" ist im Bereich der Kunst
ein mehrdeutiger Kontroversebegriff. Ist nicht
jedes neue Kunstwerk, erst später als wertvoll
anerkannt und erst nach einer gewissen Zeit
seiner ganzen Bedeutung gemäss gewürdigt, seiner
Zeit voraus, übertrifft es nicht die Möglichkeiten
und künstlerische Bewertungsfähigkeiten seiner
Epoche? In diesem Sinne weist jede historishe
Kunstperiode, sei es Renaissance, sei es die Kunst
des vorigen Jahrhunderts oder die unserer Tage,
ihre Avantgarde-Werke auf. Diese Bezeichnung
erhielt eine besondere Bedeutung als sie im letzten
Viertel des 19. Jahrhunderts von Edmond Duranty
auf die Impressionisten angewandt wurde. Durch
ihre Theoretiker verteidigte damals eine Kunst-
gemeinschaft ihre Stellungen gegen die Gegenwart
— bekämpfte sie — im klaren Bewusstsein, in
unerschütterlicher Überzeugung gewisser von der
Zukunft gebotener Garantien. Dennoch handelte
es sich dabei nicht um eine Strömung program-
matischen Charakters, die von einem theoretisch
fundierten Manifest, gewollt ostentativ in seinen
Thesen und seiner Praxis, den Antrieb erhielt.
Die impressionistische Plattform beruhte auf einer
Konvergenz der Intuitionen, auf einer Affinität
von Praxis und Verfahren, gründlich und nur im
unbedeutenden Masse theoretisch ratifiziert. Die
Theorie trat erst später in Erscheinung, von den

Kunstkritikern und nicht selten nur als ihre
formuliert.
Um also hier den Begriff der künstlerischem
Avantgarde zu umreissen, muss man sich vorerst
über ihr Manifest-Programm klar werden, ein
genau überlegtes, ostentatives Manifest, als Schock-
kraft und polemischer Faktor des intellektuellen
und geistigen Antriebs konzipiert. Im 20. Jahr-
hundert war eine derartige Art von Behauptung
erstmalig von der von Marinetti begründete Bewe-
gung im Jahre 1909 eigen — dem Futurismus, das
aber nicht bedeutet, dass ich die zur gleichen
Zeit wie Futurismus in Erscheinung getretenen
Kunstströmungen oder solche, die ihm ein wenig
vorangingen, ausschliesse, so beispielsweise den
Kubismus und die ersten Erscheinungsformen
der abstrakten Kunst, nicht zur Avantgarde
rechne. Wie es aus der Bezeichnung als solchen
hervorgeht, hielt sich der Futurismus für eine
Kunst der Zukunft. Zwischen den beiden Welt-
kriegen treten — teilweise selbst zu ihrer Zeit —
hintereinander oder gleichzeitig die Kunstström-
ungen Dada, Konstruktivismus, Surrealismus und
gewisse Formen des Abstraktionismus in Erschei-
nung. Es ist eine Epoche gewesen, in der pro-
grammatische Wucht, ostentative Kühnheit und
Schockwirkung, noch nicht ,,klassiziert" und
,,akademisiert" waren, auch weiterhin
des Bereichs allgemeingültiger Kunstauffassung
und des bürgerlichen Kunstverständnisses blieben,
Meines Erachtens nach ist es ein anderer Aspekt
der Avantgarde, ein Aspekt, der sie historisch
verankert. Denn nach dem zweiten Weltkrieg
und vor allem in unserer Zeit wurde die ,,Gioconda
mit dem Schnurrbart" zu einem Museumsstück,
die ,,Dreistigkeit" hat einen oihzielen Charakter
angenommen und der Ikonoklasmus wurde zu
einer Ikone. Zum Wagnis gehört kein besonderer
Mut, wie es einst der Fall gewesen war. Die Avant-
garde ist heute eine so verbreitete Eigenschaft,
ist in einem solchen Masse anerkannt und wird
so gefördert, dass sie den historischen Sinn ihres
Namens eingebüsst hat. Das ist gewiss nur eine
formelle Konvention — und Prinzipienfrage, man
könnte sogar sagen, eine Frage der Sprache, die

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