Ars: časopis Ústavu Dejín Umenia Slovenskej Akadémie Vied — 3.1969

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Friedrich Engemann j
Vom schöpferischen Kern der Bauhaus-Idee
Ich habe die Ehre und die Freude, Ihnen die
Glückwünsche und die herzlichen Grüße des
Lehrkörpers und der Studentenschaft der Hoch-
schule für industrielle Formgestaltung Halle, Burg
Giebichenstein, sowie der an den übrigen künst-
lerischen Lehranstalten der Deutschen Demokra-
tischen Republik Lehrenden und Lernenden und
aller in unserem Verband Bildender Künstler ver-
einigten Künstler, Formgestalter und Architekten
übermitteln zu dürfen.
Wir danken Ihnen sehr herzlich für die Einla-
dung und freuen uns über die uns damit gegebene
Gelegenheit der Teilnahme an dieser gemeinsamen
Betrachtung der avantgardistischen Bestrebungen
der zwanziger- und dreißiger Jahre, deren pro-
gressiver Kern auch von uns als ein wertvoller,
noch immer lebendig wirksamer und verphich-
tender Bestandteil unseres fortschrittlichen Erbes
angesehen und behandelt wird.
Wir sind Praktiker einer Hochschularbeit, die
gekennzeichnet ist durch die enge und unmittel-
bare Verflechtung ihrer Aufgaben mit den Forde-
rungen derindustriehen Produktion, den aktuellen
Erscheinungen und Problemen der wissenschaft-
lich-technischen Revolution und den mit ihr ver-
bundenen bewegenden Forderungen und Bedin-
gungen der gesellschaftlichen und kulturellen
Entwicklung.
Das gibt unserer Betrachtung historischer Vor-
gänge die besondere Blickrichtung auf ihre ge-
sellschaftliche Bezogenheit. Unsere Hochschule
ist eine Hochschule für industrielle Formgestal-
tung.
Unsere Aufgabe, das Suchen nach der unserer
Zeit, ihren Bedingungen und Forderungen gemä-
ßen optimalen gegenständlichen Form, beruht
auf einer sehr langen Entwicklung.
Sie begann in dem Augenblick, als der Mensch
den ersten Stein auswählte, um ihn für einen
bestimmten Zweck (als Werkzeug, Waffe, oder
was es sonst gewesen sein mag) zu verwenden.
Im Wechselspiel zwischen Auswahl und Ge-
brauch und im ununterbrochenen Suchen nach
erhöhter Wirksamkeit und Zweckmäßigkeit, nach
gesteigertem, Gebrauchswert und sehr bald auch

schon nach einer symbolhaften und wert- und
besitzandeutenden ,,Schönheit" des gewählten
und durch Arbeit in seinen Funktionen immer
wieder gesteigerten und verbesserten Gegenstan-
des, entwickelten sich nicht nur die Gegenstände
und ihre Formen, sondern auch das Denken der
Menschen, ihre Fähigkeiten des Erkennens, Be-
greifens und Entscheiden und ihre Fantasie.
Bei der Betrachtung der Entwicklung der Pro-
duktivkräfte und der mit ihr verbundenen gesell-
schaftlichen Erscheinungen unserer Zeit und dem
Ringen um den architektonischen und künstleri-
schen Ausdruck dieser Erscheinungen entdecken
wir immer wieder mit Bewunderung, welche —
oft ihrer Zeit weit vorauseilenden —- klärenden und
vorwärtsdrängenden Impulse von den Kräften
ausgegangen sind, die wir heute mit Respekt und
Verehrung als Avantgardisten bezeichnen.
Ich kann im Rahmen dieses kurzen Diskussions-
beitrages aus der Reihe dieser uns allen bekannten
Vorkämpfer nur einige wenige nennen, die uns
für das, was wir heute erdenken und erstreben,
besonders bedeutsam erscheinen.
Ich bin sicher auch nicht in der Lage, dem was
wir von ihnen wissen, noch wesentlich Neues
hinzuzufügen.
Mir geht es darum, darzustellen, was uns aus
allen diesen Gedanken und Forderungen unserer
Vorkämpfer heute noch — teilweise sogar heute
erst recht — aktuell und gültig erscheint, und was
wir deshalb als grundsätzlich und verbindlich in
die Aufgaben und Methoden der Ausbildung
unserer Architekten und Industrieformgestalter
einbeziehen.
Selbstverständlich kann auch das hier nur sehr
skizzenhaft und unvollständig geschehen, und
ich bitte vor allem die anwesenden Historiker
um Nachsicht, wenn ich — um schneller auf den
Kern zu kommen — auch dort vereinfache, wo es
in Wirklichkeit doch etwas komplizierter zugegan-
gen ist.
Wir denken in dieser Reihe derer, die uns heute
noch so viel zu sagen haben u. a. an Gottfried
Semper und an seine in dieser Zeit aufrüttelnden
und zur Besinnung mahnenden Bücher, insbeson-

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