Ars: časopis Ústavu Dejín Umenia Slovenskej Akadémie Vied — 3.1969

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!st das Bauhaus aktuell?

HANS M. WINGLER

Das Institut, das ich leite, das Bauhaus-Archiv in Darmstadt, ist ein Forschungsinstitut. Aber da es
mit visuellen Problemen befasst ist, die sich in gestalteten Dingen manifestieren, unterhält es auch
eine kleine museale Abteilung, die an ausgewählten Beispielen die Entwicklung der Architektur, des
Industrial Design und der Kunstpädagogik der Zeit seit etwa 1900 zu zeigen versucht. Es ist
selbstverständlich, dass hier die Arbeit des Bauhauses im Mittelpunkt steht. Das Bauhaus 1919
in Weimar gegründet, 1925 nach Dessau und 1932 nach Berlin verlegt, wo es 1933 unter dem Druck
der Nazi-Regierung geschlossen wurde — hat in seinen Werkstätten Möbel, Textilien und Gebrauchs-
geräte hervorgebracht, die durch ihre formale Neuartigkeit eine Umwälzung auf diesen Schaffens-
gebieten bedeuteten. Um 1920 begann die Produktion. Nachdem das Bauhaus zuerst noch die
herkömmlichen handwerklichen Fertigungsmethoden angewandt hatte, ging es um 1924 dazu über,
Modelle für die industrielle Serienproduktion zu entwickeln. Die technischen Bedingungen der
Maschinenarbeit, die hier berücksichtigt werden mussten, entsprachen den formalen Vorstellungen
des Bauhauses in sehr hohem Mass, und so brachte es im Industrial Design einige seiner reifsten
Leistungen hervor. Um 1928 erreichte diese Entwicklung ihren Höhepunkt.
In unserer kleinen Kollektion in Darmstadt befinden sich also neben frühen Produkten, die noch
typische Handwerkserzeugnisse und historisch nicht allzu weit entfernt von den Arbeiten
Mackintoshs oder der ,,Wiener Werkstätte" sind, durchaus auch Dinge, die der laufenden
Produktion einer qualifizierten Firma für Möbel und Gebrauchsgeräte vou heute entstammen könnten.
Ich denke an die Stahlrohrmöbel, wie sie im Bauhaus seit 1925 entworfen wurden, oder an die
Schreibtischlampen aus derselben Zeit. Einige dieser Dinge werden von deutschen, amerikanischen
und italienischen Firmen in unveränderter Form ja tatsächlich heute noch hergestellt. Das ist
bemerkenswert, denn es ist höchst ungewöhnlich, dass ein und dasselbe Modell von der Industrie
über vier Jahrzehnte hinweg vervielfältigt wird.
Bemerken wird dies in unseren Schauräumen in Darmstadt allerdings nur, wer es weiss. Wir haben
zu wenig Platz, als dass wir die Gegenstände einander so zuordnen könnten, dass sie sich selbst
erklären, oder dass wir neben oder hinter ihnen kommentierende Schrifttafeln anbringen könnten.
Viel zu gedrängt, wie in einem Magazinraum, stehen sie einfach da. So geschieht es immer wieder,
dass junge Menschen, die über kein spezielles Wissen vom Bauhaus und von der Entwicklung der
Industrieform verfügen, ratlos gerade vor den besten Industrieprodukten stehen und fragen: Was
soll's? Man kann doch diese Möbel und Lampen überall kaufen, sie sind ein Bestandteil unserer
gewohnten Umgebung, weshalb denn werden sie hier als etwas Besonderes gezeigt? Nur an wenigen
Stellen wird die vom Bauhaus vollbrachte Leistung dank der Gegenüberstellung verschiedener
Objekte evident. Wenn man die 1929 entstandene, für die maschinelle Fertigung konzipierte
Tischlampe von Christian Dell neben der nur fünf Jahre älteren, in der Literatur oft reproduzierten
Lampe Wilhelm Wagenfelds sieht, bei der man sich noch an Grossmutters Petroleumlampe
erinnert fühlen kann, dann wird es klar, dass in der kurzen Spanne zwischen beiden Entstehungs-
zeiten ein gewaltiger Schritt nach vorn getan worden ist.

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