Ars: časopis Ústavu Dejín Umenia Slovenskej Akadémie Vied — 3.1969

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Diese Wirkungslosigkeit setzt die Unterdrückung
des sozialen Verantwortungsgefühls voraus, wo-
raus eine ganze Reihe minderwertiger Ausdruck-
formen zahmer und legitimer Tendenzen folgen".
Als Beispiel führt Schnaidt den Formalismus —
wahrscheinlich den sogenannten Funktionalismus
- in der Architektur der 20-er und 30-er Jahre an.
Der Funktionalismus ,,entsprang" zum Grossteil
einer nebelhaften Vorstellung der Architekten vom
existierenden Widerspruch zwischen ihrer huma-
nistischen Auffassung der industriellen Zivilisation
und dem Geschäftsgeist der bürgerlichen Gesell-
schaft. Da diese Architekten nicht genau wussten,
wie sie ihr Schaffen mit der Wirklichkeit in Ein-
klang bringen könnten, versuchten sie die auf-
tretenden ökonomischen und sozialen Probleme
auf ästhetischer Ebene zu lösen. Sie nahmen an,
unausweichliche historische Vorbedingungen zur
Realisierung ihrer Ideale durch entfesseltes Suchen
ihrer neuen Formsprache ersetzen zu können."
Ich erwähnte diese Gedanken (die eine gewisse
wertende Silhouette nicht nur der Avantgarde
der 20-er und der 30-er Jahre, sondern den Uto-
pisten überhaupt, im 18. Jahrhundert wie auch
in der Gegenwart verleihen) deswegen, weil wir
empfinden, dass es heute wesentlicher und pri-
märer ist, über die sozialen Aspekte von Ein-
flüssen auf die Kunst, die ausserhalb des ästheti-
schen Bereichs stehen, vom Gesichtspunkt eines
wirksamen komplexen Erfassens des bildnerischen
Milieus zu erwägen, als nur über Fragen der
optischen Formen nachzusinnen; Hauptsächlich
deswegen, weil in der Welt der Formen und des
Farbausdrucks heute eine uferlose Freiheit herrscht
die die grenzenlose Menge von Möglichkeiten,
Variationen und die Rückkehr in die Vergangen-
heit bietet. Giltig ist nicht nur die Parole ,,die
Kunst der Grossväter ist näher als die Kunst der
Väter", aber das Interesse für den Geschmack
von Generationen der Vergangenheit gewinnt
eine Gleichberechtigung sogar mit der etwaigen
Kunst unserer Nachkommen. Wir können also
bei unseren Erwägungen über die Kunst der
Avantgarde jene Tendenzen der Künstler, Rich-
tungen und Bewegungen meinen, die sich von der
Unzufriedenheit mit dem gegenwärtigen Stand
des Milieus beginnend bis zu sozialen Reformen
führen, Tendenzen, die offensichtlicher im Bereich
der Architektur bemerkbar sind; auf der anderen
Seite findet man wieder unter dem Begriff Avant-

garde diese Tendenzen, die sich mit manchen
novatorischen Reformen, mit der Problematik
des Schaffens selbst und mit dem Kunstausdruck
des Werkes ausgleichen; was z. B. eher in der
Malerei und Bildhauerei üblich ist, mit denen —
wie ich schon sagte — ich mich hier nicht befassen
werde.
Diese wenigen einführenden Bemerkungen er-
laubte ich mir zur Klärung des Grundrisses für
den Inhalt und die wechselseitigen Beziehungen
der weiteren Beiträge anzuführen, die im Rahmen
unserer Konferenz noch verlesen werden.
Wenn wir auf einer solchen Konferenz über die
Beziehung der Avantgarde zur Gegenwart nach-
denken, so können wir nicht unterlassen, an die
Worte Michel Ragons zu denken, die er in seinem
Buch ,,Wo werden wir morgen leben?" ausspricht,
wo er sagt, dass" einen Menschen nichts so depri-
mieren kann, wie internationale Kongresse" —
er hatte Architekten- und Urbanistenkongresse
im Sinn — die immer mit überzeugenden Erklä-
rungen einiger schlichter Wahrheiten enden, die
schon aus den internationalen Vorkriegskonferen-
zen moderner Architekten bekannt sind. ,,Wenn
Sie eine Ausstellung zeitgenössischer Architektur
besuchen" schreibt Michel Ragon" so gewinnen
Sie den Eindruck, Sie seien auf einer Retrospek-
tive des Bauhauses in Dessau oder Weimar, oder
im Le Corbusier-Pavillon L'Esprit Noveau aus
dem Jahre 1925".
Der Unterschied liegt nur darin, dass die Ge-
danken eines Corbusier oder Gropius damals all-
gemein ein Lachen hervorriefen, die heute die
Ministerien oder die Unesco als ganz neue, als
Schlüsselparolen der Zukunft durchsetzen. Dies
sind nur die Schlüssel einer nahen Vergangenheit,
Schlüssel, die zwar ganz neu sind, jedoch un-
benützt blieben und deren Mechanismus zum
Grossteil schon längst veraltet ist.
Und noch an die Adresse der Urbanisten fügt
er etwas hinzu, was mir auch auf andere Gebiete
der Lebensmilieus Gestaltung sehr zuzutreffen
scheint: über die Stadt der Zukunft, über das Volk
der Zukunft, über die Zukunftswelt wird fast kaum
gesprochen. Alles ist irgendwie mutlos und vor-
sichtig. Auf den ersten Blick könnte es scheinen,
dass die beiden zitierten Autoren in mancher
Hinsicht in Widerspruch zueinander stünden,
aber es scheint nur so. Sie beleuchten mit ihren
Beobachtungen bloss verschiedene Seiten der

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