Ars: časopis Ústavu Dejín Umenia Slovenskej Akadémie Vied — 3.1969

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Beginn einiger Etappen, die der fortschrittlichen
Kunst nicht günstig waren. Erlauben sie mir, daran
zu erinnern, dass der zweite Weltkrieg bis fast auf
den Grundstein die sich entfaltende Aktivität der
angewandten Kunst der 30-er Jahre in der Slo-
wakei liquidierte. Die Nachkriegszeit, die auf
brennende Probleme des Wiederaufbaues unseres
Landes konzentriert war, konnte keinen erfor-
derlichen Standpunkt zu Fragen einer kultivierten
Milieugestaltung einnehmen. Angewandte Kunst
und Design wurden hier in der Slowakei sogar in
einem anderen Ausmass betroffen, als in Böhmen
oder Mähren und auch in einem anderen Ausmass
als andere Zweige der bildenden Kunst in der
Slowakei. Ihre Entfaltung wurde auf halbem
Wege, in ihren einzelnen gedanklichen arbeits-
mässigen und organisatorischen Bestandteilen ge-
hemmt. Die Auflösung der Kunstgewerbeschule
vereitelte die Möglichkeiten einer weiteren He-
ranbildung von Kadern. Der Abgang erfahrener
Arbeitskräfte und Pädagogen, die Unterbrechung
der Beziehung mit dem internationalen Geschehen,
die Orientierung der Produktion auf die Kriegs-
wirtschaft und die entstandene Desinteressiertheit
an den Fragen wie Gebrauchsgüter, sowie der
Import fremder, kitschiger Geschmacklosigkeiten,
bedeuteten ein Unterbinden der Bemühungen um
ein kulturelleres, materielles oder geistiges Milieu.
Im entstandenen Vakuum wurde der Aufbau
gesunder und fortschrittlicher künstlerischer Ten-
denzen eingestellt und aufgelöst, der vor dem
Krieg eine für unsere Verhältnisse begründete
Überzeugungskraft erreichte.
Nach dem Krieg, zu Beginn der 50-er Jahre
erkannten falsche Ansichten im Kulturbereich die
Kunst der Vorkriegsmoderne nicht an und lehnten
auch die positiven Züge des Funktionalismus ab;
dadurch trübte sich die Bedeutung unserer guten
Tradition der Vergangenheit. Die 50-er Jahre
waren weder fähig einen wohlbegründeten Stand-
punkt zu den gegenwärtigen Fragen der Theorie
der angewandten Kunst und der Gebrauchskunst
einzunehmen, noch fähig in der Theorie der
Architektur, wo es ausser anderem zu der be-
kannten eklektischen Verzierungskunst (in den
Bedingungen die fern von einer Wohlstandsgesell-
schaft waren!) kam, einzunehmen.
Erst in der zwieten Hälfte der 50-er Jahre kommt
es zu einer allmählichen Klärung des Sinnes
schöpferischer Prinzipien im positiveren funk-

tionellem Geist, unterstützt von — nicht eben
günstigen — Bedingungen in der Produktion, die
mit ihrer Realität im Bereiche der Architektur, der
angewandten Kunst und des Désignés einen
gewissen natürlichen ideellen Regulator bedeutete.
Die Zeit von der Hälfte der 50-er Jahre an ist
durch einige massgebende Umstände gekenn-
zeichnet, wie die Stabilisierung der Nachkriegsver-
hältnisse, das Anwachsen der Zahl junger geschul-
ter Kader, der Anfang eines wirklich wissen-
schaftlicheren Zutritts, die zunehmende Infor-
miertheit über das internationale Geschehen wie
auch das energische gesellschaftliche Interesse
für die Installation eines neuen Lebensmilieus,
das zum Beispiel durch den Wohnungsbau und
der öffentlichen Bautätigkeit bedingt wurde.
Die Zeitspanne, von der Mitte der 50-er Jahre an
bis zum heutigen Tag kann in ihrer Gänze als
kontinuierlich ansteigende Linie vermerkt werden.
Wenn wir die gedanklichen Errungenschaften
der Avantgarde in den 30-er Jahren mit dem
vergleichen, was in Wirklichkeit später erreicht
wurde, das ist, nach den Zwanziger-, Dreissiger,
ja Vierziger Jahren, so müssen wir die Befürch-
tung aussprechen, dass die heutige Generation
ihren Vorgängern Vieles schuldig blieb.
Zwar wurde manches, wofür die Avantgarde
prinzipiell kämpfte, zur Selbstverständlichkeit.
Andererseits wieder, was man einst als Selbstver-
ständlichkeit erwartete, zum Beispiel die Klarheit
des architektonisch-künstlerischen Konzepts, eine
gesunde Funktionalität, die sich auch in der
künstlerischen Durchführung des Milieus in allen
Gebrauchsobjekten äussern sollte, ist noch bis
heute problematisch geblieben.
Dass sich die Vostellungen der Avantgarden oder
der Utopisten in irgendwelchen Zügen erstaun-
licherweise genau realisieren und dass zum Teil
ihre Erwartungen zerfliessen müssen, ist selb-
stverständlich und historisch beglaubigt. Es han-
delt sich ja stets um Erwägungen und Träume von
Menschen in einem konkreten historischen Au-
genblick, die von ihrem zeitgenössischen Erkennen
und von den durch dieses bedingten Ausläufern
in ihrer Vorstellungswelt, gekennzeichnet sind.
Während einige der Ideen verwirklicht werden
können, entwickelt sich die gesamte gesellschaftli-
che, technische und ökonomische Struktur mit
dem Aufkommen vieler weiterer Begleiterschei-

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