Ars: časopis Ústavu Dejín Umenia Slovenskej Akadémie Vied — 3.1969

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nungen, mit denen man ursprünglich nicht rechnen
konnte, muß das Ergebnis in seinen Details und
in seinem Gesamtcharakter von den beabsichtigten
Projekten ab weichen; auch wenn die Haupt-
gedanken mit Anerkennung rechnen können.
Manchmal hingegen kann umgekehrt, ein vorher
noch ganz bedeutungsloses Detail in einer grund-
verschiedenen Hauptkonzeption zur Geltung kom-
men. Erlauben sie mir hier ein ganz besonders
eklatantes Beispiel, wie es die Zukunftsmilieus
Jules Vernes sind, anzuführen; das von der
gestaltlichen Seite her der Illustrator Gustav
Doré präzisierte: die Illustrationen erfassen eine
Synthese von utopistischen Einrichtungen, die
aus Elementen des zeitgenössischen Kunstgewer-
bes des 19. Jahrhunderts und der damaligen
Kunstformbildung bestehen oder aus diesen er-
gänzt sind. Ein Unterseeboot wurde ausgedacht,
aber die Details der technischen Einrichtung
hatten eine Formgestaltung pseudohistorischer
Architektur. Das fliegende Schiff war ein wirkliches
Schiff mit Segeln und einer Anzahl horizontaler
Propeller und war jedoch auch mit einem Kunst-
schmiede-Geländer und Maskarenen verziert. Die
Mondrakete war mit altmodischer weicher Tape-
zierung ausgestattet. Utopistische Projekte, so
auch die der Architektur und des Urbanismus
können begreiflicherweise ähnlichen Momenten
nicht ausweichen und sind genötigt, die Zukunft
mit Hilfe heute bekannter Elemente zu konstru-
ieren.
Verweilen wir jedoch zum Beispiel beim ge-
genwärtigen Interieurprojekt einer Mondrakete;
an ihrer Gestaltung beteiligen sich Innenarchitek-
ten und Designeures. Sie formen gemeinsam das
gestaltliche Aussehen des Arbeitsraumes der Zu-
kunft, aber als wasfüreine Avantgarde gelten siel
Sie verwenden neue Ansichten in ihrer Arbeits-
methode, in ihrer technischen Konzeption der
formellen Gestaltung der Objekte, repräsentieren
jedoch keine Designere-Avantgarde im alten
Sinne des Wortes: mit einem Wort es ist ein er-
finderisches Arbeitsteam.
Ich nehme an, dass die gegenwärtige Organisa-
tion der wissenschaftlichen Arbeit, der Entwicklung
und Forschung mit ihren nüchtern organisierten
Teams in einem gewissen Mass die Wirksamkeit
der ehemaligen Gruppen Freiwilliger und Begeis-
terter, die sich unter dem romantischen Namen
,,Avantgarden" zusammenschlossen, ersetzt.

Wenn die Avantgarde — bei ihrer Milieukreation
für den Menschen — eine Engagiertheit einer
Gruppe im Sinne fortschrittlichen Denkens be-
deutet, d. h. eines allseitig fortschrittlichen Den-
kens, so bedeutet das ein Zusammenfassen der
fortschrittlichen Erkenntnisse und Ansichten aus
verschiedenen Gebieten, zum Beispiel eine wirk-
same Struktur aus gesellschaftlichen, ökonomi-
schen, technischen und künstlerischen Fachge-
bieten, zusammenzustellen. Ein Fortschritt, der
durch perfektes Beherrschen eines Faches bedingt
ist, ist in der Geschichte nur durch vollkommene
Arbeitsteilung, durch Spezialisierung möglich. Auch
wenn auf solche Weise schöpferische Fachleute
zweckmässig die Mitglieder einer Gruppe von
Avantgardisten waren und das Wesen der be-
treffenden Problematik erfasst hatten, konnten
sie doch nicht Spezialisten in allen Teilgebieten
der Schaffung eines neuen, besseren, sozialen,
architektonischen und künstlerischen Lebensmi-
lieus sein. In der Beschränkung beim Erfassen der
Aufgaben, sind auch einige Mängel der avant-
gardistischen Bewegung verankert, zum Beispiel
das Unterschätzen der Rolle der menschlichen
Psyche oder der Kultur. Die Gestaltung allein der
künstlerischen Seite der Objekte, der Gebäude
oder der ludustrieprodukte ist heute schon eine
allzukomplizierte Arbeit (im Gegensatz zur Ma-
lerei oder Skulptur), als dass es ein idealer ,,Ein-
zelmensch", mit seinen historisch begrenzten
Kräften, mit seinen Kenntnissen und seinem
Geschmack allein und qualitativ gut, isoliert von
der Beherrschung notwendiger funktioneller Be-
ziehungen in den Nachbargebieten, isoliert von
den Kenntnissen verwandter künstlerischer und
technischer Professionen, vom zeitgenössischen
theoretischen Denken, von den gesellschaftlichen
Ansichten und Programmen, von künstlerischen
Strömungen u. s. f., leisten könnte. Deswegen muss
die Entwicklung notwendigerweise in der Welt
Wege suchen, wie man die schöpferischen Arbeits-
kräfte zweckmässig zur Lösung einzelner — oder
zur Gorung von Gruppenaufgaben vereinigen
könnte, wobei man es verstehen muss, die Wider-
sprüche individueller Ansichten, die Paradoxa
im System des Austausches von Informationen
und die aus dem wachsenden Bedürfnis einer
Organisierung und Administrierung der sich ver-
grössernden Arbeitskollektiven erspriessenden ne-
gativen Einflüsse, zu überbrücken. Eine teilweise

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