Ars: časopis Ústavu Dejín Umenia Slovenskej Akadémie Vied — 3.1969

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men in der Bauindustrie, in der Projektierungs-
praxis, in der Art der Bewertung einer produktiven
Leistung u. s. w., was alles zusammen unser ge-
genwärtiges Lebensmilieu ungünstig kennzeichnet.
Auf die Kunstzweige, die der Organisierung
materieller Gebilde entspringen, sowohl im Raum
alsauch in der Zeit — wie es auch in der bildenden
Kunst zutrifft — wirken viele ausserkünstlerische
und ausserästhetische Faktoren ein, von denen
die Fragen der Investition schwerwiegend sind.
Kunst, Architektur und Milieu für ,,die Gesell-
schaft", d. i. für eine Masse anonymer Empfänger,
Konsumenten und Zuschauer oder in deren Namen
zu schaffen, wird immer ein Problem, ein Problem
der Mandaten sein; wobei das Denken, Fühlen,
der Geschmack und die Reife der Vertreter der
Gesellschaft, also der Investoren, Kommissionen
und der kulturpolitischen Organe zur Sprache
kommt.
Ich muss die Befürchtung aussprechen, dass
verschiedene ausserästhetische Umstände, die kon-
kreten gegenwärtigen Beziehungen zwischen den
schöpferischen und administrativen Determinan-
ten, bei uns die Entstehung eines qualitativen
architektonisch-künstlerischen Milieus im kom-
plexen Sinn nicht verbürgen. Gerade zum Unter-
schied von den Interessen, die von avantgardis-
tischen Kreisen ausgesprochen wurden, die das
Milieu von urbanistischen Relationen begonnen,
über das Bauwerk und dessen Interieur hinweg
bis zu seinen allerkleinsten Details, etwa bis zum
Tischbesteck als komplexe Lebenseinheit im Auge
hatten, führt die heutige spezialisierte Teilung
der Kompetenzen zu chronischen Disproportionen
in der Aufmerksamkeit, die den Sinn der Harmonie
zwischen den einzelnen Bestandteilen der Milieus
beeinträchtigen. Es werden auch unrichtige Spe-
zialisierungstendenzen im Spiel sein, die den
zweitrangigen Elementen des Milieus (z. B. dem
eines dekorativen Gitters) eine grössere Bedeutung,
ja sogar einen grösseren Wert beimessen als dem
Gesamtraum (also einem öffentlichen Lokal, das
doch eine komplexere architektonisch-künstle-
rische Tat verkörpert), in dem das Detail placiert
ist. In der Praxis sind wir dann Zeugen vieler
Fälle eines unwürdigen Zutritts zu der Lösung
von architektonischen Aufgaben, die manchmal
in ein potemkinisches Bevorzugen des Aussehens
der ,,Fassade" entartet; das hängt auch mit der
Einstellung des Kunststudiums zusammen.

Im Rahmen der Erwägungen über den gegen-
wärtigen Schulunterricht werden Ansichten laut,
wie etwa, dass sich die heutigen jungen Adepten
der Architektur und des Désignés mehr der Ge-
staltung künstlerischer Formen der Oberfläche
widmen als dem Inhalt und Sinn ihrer Tätigkeit.
Sowohl die Psychologie alsauch die Soziologie,
alsauch eine Reihe weiterer Fachgebiete, die zu
den modernen. Methoden einer produktiven Tätig-
keit notwendig sind, die gemeinsam mit dem
Kunstempfinden die Profession der Architektur
und des Désignés ergeben (also ein besseres
Kennenlernen und Eindringen in die Prozesse
des Lebens und der Gesellschaft) sollten den
Unterricht an den technisch-künstlerischen Fach-
lehranstalten, die schon heute durch eine Kapa-
zität unerfüllbarer Anforderungen belastet sind,
fördern. Die Entwicklung der Struktur der Unter-
richtsgegenstände wird ein Aufnehmen einiger
Themen auf Kosten anderer bedeuten; das we-
sentliche dessen, was bleibt, bestimmt die Orien-
tierung des Studiums, den Ruf der Schute, den
Erziehungsgehalt. Das Bauhaus war in seiner Zeit
anerkannt und ist — da es unterging — noch
heute als Beispiel einer avantgardistischen Le-
hranstalt augesehen. Positiv kann man desgleichen
die Kunstgewerbeschule in Bratislava bewerten.
Die weitere Entwicklung der Pädagogik und der
Kunst an Schulen solchen Typs führt — wie wir
feststellen können — zu unausweichlichen Pole-
miken; wie bekannt ist ,,wird Professor Misha
Black stets Professor Maldonald widersprechen"
und amerikanische Designer-Schulen werden das
sogenannte ,,Ulmer Kloster" nicht anerkennen.
Der Wettstreit der Ansichten hilft jedoch an-
gemessenere pädagogische und arbeitsmethodische
Wege zu suchen; die avantgardistischen Schulen
der Dreissigerjahre stiessen auch nicht auf allen
Seiten auf ein Verständnis, was kein Ziehen einer
Parallelen zwischen den Avantgarden der Vergan-
genheit mit der Gegenwart sein soll.
*
Zum Abschluss meiner einführenden Worte
möchte ich nur behaupten, dass die gegenwärtige
Zeit die Existenz solch' ,,stolzer" avantgardisti-
scher Konstellationen nicht zulässt, wie es unter
den europäischen Umständen in der Zeit zwischen
den Kriegen der Fall war. Die umwälzende und
tiefe technische Revolution, die sich die Spe-

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