Ars: časopis Ústavu Dejín Umenia Slovenskej Akadémie Vied — 3.1969

Page: 53
DOI issue: DOI article: DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/ars1969/0249
License: Free access  - all rights reserved Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
Wie sieht die Bauhaus-Nachfolge in der Praxis des Unterrichts aus? Die Auffassung von Gropius,
dass der Unterricht den Schüler zur Selbständigkeit — und zwar auch dem Lehrer gegenüber —
anleiten solle, wird wohl allgemein geteilt. In seiner Rede aus Anlass der Verleihung des Goethepreises
umriss Gropius im Jahre 1961 rückblickend dieses Programm: ,,Im Gegensatz zu der sonst üblichen
Methode", so sagte Gropius, ,,einen Studenten nach dem Vorbilde und in der persönlichen
Formsprache seines Meisters zu erziehen, versuchten wir im Bauhaus, ihn auf eine solidere Basis
zu stellen, indem wir ihm objektive Gestaltungsprinzipien von universaler Geltung, wie sie sich aus
den Gesetzen der Natur und der Psychologie des Menschen ergeben, lehrten. Auf dieser Grundlage
aufbauend, sollte er seinen eigenen Ausdruck finden, unabhängig von dem seines Meisters . . . Das
Bauhaus war nie an der Formulierung von zeitgebundenen Stilauffassungen interessiert, und seine
technischen Methoden waren keine Endzwecke. Es wollte zeigen, wie eine Vielheit von Individuen
in Zusammenarbeit, aber ohne Identitätsverlust, eine Ausdrucksverwandtschaft in ihren Arbeiten
entwickeln konnte. Es wollte grundsätzlich demonstrieren, wie Einheit in Vielfalt bewahrt werden
kann, und gab dies mit den Materialien der Technik nnd den Formvorstellungen seiner eigenen
Zeit." Diese Auffassung vom Wesen des Unterrichts lässt in praxi einen beträchtlichen Spielraum
der Methoden zu, und diese Bandbreite hat in der Tat auch der in der Nachfolge des Bauhauses
erteilte Unterricht; die Variationsbreite ist heute noch ziemlich genau dieselbe wie zur Bauhaus-Zeit.
Von zahlreichen Kunstschulen vor allem in Mitteleuropa werden die von Itten entwickelten
Unterrichtsprinzipien, mehr oder weniger abgewandelt, angewandt. Es werden freie rhythmische
Übungen mit Pinsel und Tusche gemacht, spielerisch werden verschiedene bildnerische Materialien
zu künstlerisch autonomen Gebilden zusammengefügt, ähnlich wie in der dadaistischen Kunst, aus
deren Blütejahren diese nun zwar schon alte, keineswegs aber überlebte Methode datiert. In höherem
Grad als andere Vorkurs-Methoden wird sie dem emotionalen Bedürfnis gerecht, unter Vernachlässi-
gung allerdings der exakten Erfahrung des Materials, wie sie besonders an Schulen für Architektur
und Industrieform benötigt wird. Hier herrscht die Methode von Josef Alb er s vor, die dem
Studierenden durch scheinbar ganz simple Exerzitien mit Papier und Schere, durch Falten und
Verformen der zerschnittenen Bögen, zu der Erkenntnis verhelfen soll, dass die Form die
Materialeigenschaft zu beeinflussen und zu verändern vermag und also nicht nur als ein ästhetisches,
sondern als ein strukturales Moment zu verstehen ist. Wir finden diesen Kurs in vielerlei Varianten
überall in Amerika, sehr verbreitet in Deutschland und — dank Yamawaki und anderen, die am
Bauhaus ausgebildet wurden oder seine Lehren in sich aufgenommen haben — in Japan, wo die
Ergebnisse als Zeugnisse eines verfeinerten Geschmacks und grosser manueller Geschicklichkeit, die
sich schlafwandlerisch sicher auf das zu verarbeitende Material einstellen kann, besonders eindrucks-
voll sind.
Die Vorkurs-Methode von Albers erlangte in den letzten Jahren durch die Op-Art, die in ihm
einen ihrer Vorläufer und Begründer hat, erhöhte Aktualität. Das bewusste Studium der optischen
Gesetze und der sogenannten optischen Täuschungen, die ganz spezifische Reaktionen unserer
Wahrnehmungsorgane sind, ist ausserordentlich bedeutungsvoll für weite Gestaltungsbereiche, von
der abstrakten Komposition über die Werbegraphik bis hin zur Architektur. Zur Albers-Methode
fügt die Werkkunstschule in Hannover — als einzige zumindest in Deutschland, soweit ich sehe —
eine neue Facette hinzu, indem sie Kompositionsaufgaben mit bildnerischen Elementen wie etwa
Dreicken, Kreisen oder Quadraten in Analogie zur modernen Programmiertechnik stellt. Ähnlich
wissenschaftlich geht Kepes in Cambridge bei der Präzisierung seiner auf dem pädagogischen Werk
Moholys beruhenden Lehren vor. Eine selbständige Leistung sind die hauptsächlich während der
fünfziger Jahre am Illinois Institute of Technology entwickelten Proportionsübungen von Peterhans,
der ein standardisiertes Bildformat in einer Reihe von Aufgaben verschiedener Schwierigkeitsgrade
ästhetisch sinnvoll aufgliedern liess. Wie wir von Mies van der Rohe wissen, hat sich diese
Vorkurs-Methode im auf sie folgenden Architektur-Unterricht fruchtbar ausgewirkt. Nahezu überah
wird an Farbkursen gearbeitet, zu denen die im Anschluss an das Bauhaus unternommenen
Jntersuchungen von Itten und Albers den Anstoss gegeben haben. Sie ihrerseits haben die Farb-

53
loading ...