Ars: časopis Ústavu Dejín Umenia Slovenskej Akadémie Vied — 3.1969

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Untersuchungen des Stuttgarter Malers und Farbtheoretikers Adolf Hölzel zur Voraussetzung.
Die Erkenntnisse von Hölzel wurden vor allem durch Itten und Schlemmer, die hei ihm studiert
haben, zu einem festen Bestandteil der Leimen des Bauhauses. Weniger weitreichend scheinen die
Wirkungen von Kandinskys Farbseminar der Weimarer und Dessauer Periode zu sein. Mit
Kandinsky hatte Ludwig Hirschfeld Kontakt, dessen Einsichten in das Wesen und die
Wechselbeziehungen der Farben sich jedoch ebenfalls im wesentlichen von Hölzel herleiteten.
Hirschfeld hat die Lehrmethoden des Bauhaus-Vorkurses in Australien eingeführt, wo man sie
heute an vielen pädagogischen Instituten praktiziert.
In den sozialistischen Ländern ist man in zunehmendem Mass an den Lehrprinzipien des Bauhauses
interessiert. Das gilt besonders für die ČSSR und für Ungarn, aber auch für Polen und wohl auch
für die DDR. In den Einzelheiten wissen Sie das besser als ich. Zu einer Umstellung des Kunstunter-
richts auf breitester Basis hat neuerdings die Entwicklung in England geführt, wo eine von Sir
William Coldstream geleitete Kommission in ihrem 1960 erschienenen ,,First Report of the National
Advisory Council on Art Education" hinsichtlich des Grundunterrichts und der Werkstattarbeit
Empfehlungen ganz im Sinne des Bauhauses gab. In einer Londoner Kunstschule wird jetzt, wie
mir berichtet wurde, bereits im Elementarkurs mit Maschinen gearbeitet. Das ist nun wirklich ein
Novum, dum bisher diente der Grundkurs — wie am Bauhaus — der Übung der Hand als dem
Instrument, das die durch die Augen vermittelten sensuellen Reize und die im Gehirn entworfenen
Vorstellungen umsetzt und realisiert. Kein Zweifel, dass da auch die Maschine instrumental zu sein
vermag. Sie kann es aber dc-ch nur mittelbar sein, unser primäres — weil körpereigenes — Medium
der Realisierung ist und bleibt die Hand. Schon um 1900 bemerkte der Amerikaner Liberty Tadd,
dessen Buch über die künstlerische Erziehung der Jugend damals übrigens auch ins Deutsche
übersetzt worden ist, zweifellos zu Recht, dass das Werken, das manuelle Gestalten, ,,ein Mittel zum
Gedankenausdruck wie Sprechen und Schreiben" sei. Ich glaube, dass man diesen Gesichtspunkt im
Grundunterricht der Kunstschulen nicht vernachlässigen darf und sich hier nicht zu weit von der
vom Bauhaus geschaffenen Plattform entfernen sollte. Es ist ahgemein festzustellen, dass der freien
künstlerischen Betätigung in den Werkkunstschulen und in den Kunstabteilungen der Technischen
Hochschulen viel zu wenig Raum, wenn überhaupt einer, zugestanden wird. Ein extremer Fall ist
die Ulmer ,,Hochschule für Gestaltung" mit ihrer erklärten Kunstfeindlichkeit. Ich glaube nicht,
dass es gerechtfertigt ist, das musische Element als Romantizismus, und wie immer es gescholten
wird, abzulehnen. Kaum jemand wird es einfallen, einen Rennfahrer oder einen Weltraumpiloten
zu zeihen, dass er altmodisch sei, weil er sich im Hundert-Meter-Lauf oder Reiten trainiert. Je
wichtiger die Technik in der beruflichen Praxis des Entwerfers wird, und sie ist nun einmal
unausweichlich, desto bedeutsamer wird das künstlerische Tun, die Aktivierung der Phantasie, als
eine Art seelischer Ausgleichssport. Dessen war man sich im Bauhaus jederzeit bewusst. Eine
verstärkte Einbeziehung des Künstlerischen in den Unterricht für Architekten und Industrie-
Entwerfer, kurzum überall da, wo technisch und rational gearbeitet und wo die Frage der
Ausdrucksfähigkeit zwangsläufig zweitrangig wird, würde in vielen Fällen zu einem heilsamen
Korrektiv. Hier kann das Bauhaus, und zwar nicht nur das der Aera Gropius, vorbildlich sein. Ich
erinnere daran, dass Hannes Meyer, der doch ein Materialist und Pragmatiker war, dass ausgerechnet
er Malklassen eingerichtet hat. Übrigens malte privatim auch er.
Die grossen Architekten des Bauhauses haben, nun betagt, ihren Kreis um sich gebildet und Schule
gemacht. Aus dem Bilde der heutigen Architektur sind die Werke eines Mies van der Rohe,
eines Gropius, eines Breuer, sind die städtebaulichen Prinzipien eines Hilberseimer nicht
hinwegzudenken. In der jüngeren Generation werden jedoch Strömungen mächtig, die Nikolaus
Pevsner unter dem schon zitierten Begriff ,,the anti-pioneers", der ihre Verfechter ironisiert, als
eine im Grunde genommen retrospektive Richtung beschreibt, als eine Gegenströmung, wie sie im
19. und im frühen 20. Jahrhundert wiederholt in Erscheinung getreten ist. Ich habe eingangs gesagt,
dass man auch bei den Besuchern unserer musealen Abteilung in Darmstadt oftmals Neigungen zu
einem sentimentalen Historismus beobachten kann. Es gibt in der Architektur heute eine barocke

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