Ars: časopis Ústavu Dejín Umenia Slovenskej Akadémie Vied — 3.1969

Page: 102
DOI issue: DOI article: DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/ars1969/0298
License: Free access  - all rights reserved Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
tasie, die sich nicht durch Fabulieren auszeichnete
(das Erzählende war bei Herold vorhanden),
sondern durch überraschende Nebeneinander-
stellung. Seine Tätigkeit in Rumänien war von
kurzer Dauer: der Künstler übersiedelte bald nach
Paris. Dennoch bedeutete sein Wirken in der
rumänischen Avantgarde — neben dem Beitrag
der oben erwähnten Künstler — eine Bereicherung
dieser Bewegung mit noch einem Element von
besonderer Eigenart.
In der Zeitschrift ,,Unu" hat auch der damals
nur 16-jährige Perahim seine ersten Arbeiten
veröffentlich (obwohl sein Vorname Jules ist,
signierte der Künstler vor seinem Familiennamen
mit dem Buchstaben S). Schon den ersten Zeich-
nungen von Perahim merkt man — wenn auch
nicht ganz klar — das Soziale an, obwohl er zu
jener Zeit noch ziemlich weit von jenem eindeutig
sozialen Kampfgeist entfernt war, der bald darauf
in seinen surrealistischen Werken zum Ausdruck
kommen sollte. Im Jahre 1932, da Perahim seine
erste Bukarester Ausstellung eröffnet.e, hatte sein
Surrealismus noch nicht die für diesen Künstler
charakteristische Höhe erreicht, sondern bewegte
sich — in Ermangelung der künstlerischen Reife
— auf dem Niveau intelektueller Spekulationen,
die mehr oder weniger bedeutungslos waren. Aber
selbst zu jener Zeit drang in seinen Zeichnungen
ein überraschend sarkastischer Humor durch.
Die bedeutsamste Mitwirkung Perahims zur Avant-
garde-Bewegung in Rumänien fällt in die Zeits-
panne 1934—1939. In dieser Periode arbeitet er
ununterbrochen an verschiedenen Zeitschriften,
so ist er auch Mitarbeiter des ,,Cuvîntul liber"
(,,Freies Wort") und er eröffnet zwei bedeutende
Ausstellungen seiner Werke: die eine 1936 in
Bukarest, die andere, 1938 — dem Kampf für
Freiheit und Demokratie des spanischen Volkes
gewidmet — in Prag, auf die Einladung des grossen
tschechoslowakischen Regisseurs und fortschritt-
lichen Theaterfachmanns, E. F. Burians, hin,
im Foyer des von diesem geleiteten Theaters
auszustellen. In Rumänien kam eine solche
Ausstellung zu jener Zeit nicht in Frage.
In der geschilderten Periode war Perahims
Beitrag zu der künstlerischen Avantgarde in
Rumänien von entscheidender Bedeutung, vor allem
durch die Eigenart des damals in ihrem Rahmen
vorherrschenden Einflusses des Surrealismus. In
seinen Zeichnungen und Bildern prangerte Pera-

him den Faschismus und den kriegslüsternen
Militarismus an, den Obskurantismus und die
Scheinheiligkeit des Klerus, die im Dienste der
Klasseninteressen der Bourgeoisie standen, die
Habgier des Grosskapitals, der schreckliche Leiden
der Vielen verursachte. In Zeitungen und Aus-
stellungen geisselte er das Philistertum und dem
platten Konformismus des Kleinbürgers, seinen
von Egoismus und Kurzsichtigkeit bestimmten
Individualismus. Zugleich mit der Veranschau-
lichung des Elends der Arbeiterklasse pries er
ihre hohen moralischen Eigenschaften, ihren
Kampf für das Ideal. Zum Unterschied zu vielen
anderen Künstlern jener Zeit, war die Vorstellung
Perahims von dem heldenmütigen Ringen des
Proletariats des rührseligen Mitleids bar. Zugleich
vertrat er seinen Antikonformismus ideologisch-
politischen Ursprung, der in seinen Werken, in
seinem Stil und in seiner künstlerischen Auffassung
als ein Protest gegen die konventionelle Wiederga-
be im Kunstwerk zum Ausdruck kam.
Diese Wechselbeziehung zwischen den ethischen
Werten und ihrer bildlichen Darstellung, so dass
sie einen doppelten Kampfaufruf bedeuteten, —
gegen die soziale Unterdrückung und gegen die
konservativen, durch den Alltagsgebrauch abge-
griffenen und banalisierten Ausdrucksformen, die
aber gerade dadurch das künstlerische Schaffen
nicht weniger gefährderten — all das bildete in
der Periode, von der hier die Rede ist, einen der
wichtigsten Züge der künstlerischen Avantgarde
in Rumänien, klar erkennbar in ihren bemerkens-
werten Werken.
Die Tätigkeit zwischen den beiden Weltkriegen
einer Bewegung von so grosser sozialer und
kultureller Bedeutung nicht nur im nationalen,
sonder auch im internationalen Rahmen, ist,
meiner Meinung nach, von besonderem Interesse.
Aus dieser Bewegung gingen mehrere Künstler
von europäischen Ruf hervor. Deshalb habe ich
mich bemüht, den Teilnehmern an diesem Sym-
posium die einzelnen Erscheinungsformen dieser
Bewegung zu vermitteln, wobei ich mich mehr auf
denhistorischen Aspekt dieserBewegungbeschränk-
te und auf die Probleme der Kunst als solchen
nicht genauer einging.
Die Forschungen in bezug auf die Avantgarde-
Bewegung in Rumänien stecken heute noch in
ihren Anfängen, teilweise dadurch erschwert,
weil viele der bedeutenden Mitglieder dieser

102
loading ...