Ars: časopis Ústavu Dejín Umenia Slovenskej Akadémie Vied — 3.1969

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Manches an der Haltung Mies van der Rohes als
Direktor des Bauhauses wurde damals und wird
heute noch von verschiedenen Standpunkten aus
betrachtet.
Auf das, was er als Lehrer und Gestalter zu
geben vermochte, würde keiner, der es erleben
durfte, verzichten wollen.
Es gelang ihm, trotz der sich von außen her
häufenden Schwierigkeiten, den begonnenen Weg
zumindest in pädagogisch-methodischer Hinsicht,
vielleicht sogar mit einseitig gesteigerten Anfor-
derungen, erfolgreich fortzusetzen und ein Niveau
der schulischen Leistungen zu erreichen, dem auch
Gegner des Bauhauses — soweit sie nicht von
blindem Haß erfüllt waren — eine gewisse Anerken-
nung nicht versagen konnten.
Wir betreiben heute keinen nach rückwärts
gerichteten ,,Bauhaus-Fetischismus".
Das Bauhaus läßt sich nicht wiederholen.
Es war eine Erscheinung seiner Zeit, aus ihr
bedingt und in ihr und über sie hinaus wirksam.
Gerade die Tatsache, daß um die Bedeutung
seiner Ideen immer noch und immer wieder
gestritten wird, beweist, wie lebendig und wirksam
viele seiner Forderungen heute noch sind, und
immer wieder können wir feststellen, wie funda-
mental viele dieser Gedanken in den Strukturen,
Plänen und Methoden heutiger Lehranstalten
ihren Niederschlag gefunden haben.
Uns geht es nicht um eine Wiederholung und
Fortsetzung äußerlich wirksamer und kennzeich-
nender Formprinzipien und Methoden- uns geht
es um den progressiven Kern einer schöpferischen
Idee, um die Verwirklichung ihres humanistischen
Inhalts.
Lassen Sie mich nach rund 10 Jahren — nur
einige dieser Leitgedanken und Grundforderungen
der Bauhausarbeit in unser Gedächtnis zurück-
rufen :
,,Die Erziehung der Menschen zum schöpfe-
rischen Schallen, zu einer Baugesinnung in
Verbindung mit dem Leben des heutigen Men-
schen, zu Menschen, die fähig sind, das Leben
in seiner Ganzheit zu begreifen und als Ganzes
für den Menschen zu gestalten"
,,Die Forderung eines neuen Verhältnisses des

Menschen zu der durch seine Arbeit geschaffenen
Wirklichkeit"
,,Die Überwindung von Subjektivismus und
Ich-Kult"
,,Die bewußte Einheit von Zweckmäßigkeit und
Schönheit"
,,Die Einheit in der Vielfalt"
,,Die Dinge von ihrer Bedeutung für den
Menschen und von ihrem Wesen her zu begreifen
und zu gestalten"
,,Menschen zu erziehen, die in der Lage sind,
jene anspruchsvolle, schöne, großzügige und
überzeugende Natürlichkeit der Formen zu
suchen, die uns in ihrer Wahrhaftigkeit begeis-
tern und die einer Betonung und Steigerung
fähig und würdig sind, dort, wo sie sich als
richtig und notwendig erweist."
Neben aller Wertschätzung und Bejahung der
Erhaltung und der musealen Pflege des gegen-
ständlichen Erbes des Bauhauses bemühen wir
uns um die Anwendung und Verwirklichung dieses
progressiven Kerns seiner geistigen Zielsetzung,
seiner Idee.
Die Maxime des Bauhauses,
die Erziehung des Gestalters zu schöpferisch-
sozialer Verantwortung sind zu einem festen und
grundlegenden Bestandteil unserer sozialistischen
Erziehungsarbeit und ihrer lebendigen Verflech-
tung mit der Praxis unseres gesellschaftlichen
Lebens geworden.
Das Bauhaus in Dessau wurde in Würdigung
seiner Bedeutung für den deutschen Beitrag zur
Entwicklung des modernen Bauens zum Objekt
der Denkmalspflege erklärt.
Es wird im Rahmen der in den nächsten Jahren
erfolgenden großzügigen Rekonstruktion der Stadt
seine originale Gestalt zurückerhalten und einer
seiner Bedeutung und seiner Tradition gemäßen
Nutzung zugeführt werden.
Wir können uns vorstellen, daß wir uns in
nicht allzuferner Zeit zur Behandlung ähnlicher
Probleme, wie wir sie heute betrachten, zusammen-
finden werden, an dieser Stelle, die uns dann
sicherlich Gelegenheit geben wird, einiges nach-
zuempfinden von der schöpferischen Atmosphäre,
die hier einmal lebendige Wirklichkeit war.

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