Ars: časopis Ústavu Dejín Umenia Slovenskej Akadémie Vied — 3.1969

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Radikalismus des ,,Neuen-an-sich" und des ,,Neuen
für-sich"? Trägt dieser Links-Radikalismus der
Künstler wirklich die Zukunft in sich, ist er nicht
bloss eine Kinderkrankheit des Neuen, wie sie
Lenin in seiner bekannten Schrift: ,,Der Radika-
lismus, die Kinderkrankheit des Kommunismus"
charakterisiert? Oder ist er nur eine Alterkrankheit
des Gestrigen, ein Teil der spätbürgerlichen Kultur?
Oder verbindet er dialektisch das Alte und das
Neue? Oder ist er doch wesentliche Substanz
von etwas Neuem, das dann später erst, in einer
neu organisierten, aber nachrevolutionären, eben,
evolutionären Gesellschaft zum Durchbruch ge-
langt, als Teil einer neuen Welt, nicht nur als
Teil einer Revolution? Ist er doch Vorwegnahme
neuer menschlicher Sichten, deren Aesthetikum
jedoch ein neues Wissen verlangt, das die revo-
lutionäre, erst zum Durchbruch gelangende Klasse
des Proletariats noch gar nicht besitzen kann?
,,Ja," sagt Lunatscharsky, ,,ich reichte meine
Hand der ,Linken', aber das Proletariat und die
Bauernschaft taten das nicht. Im Gegenteil, sogar
dort, wo sich der Futurismus direkt mit dem
revolutionären Geist umhüllt, erfasst der Arbeiter
zwar den revolutionären Geist, zieht aber gleich-
zeitig eine Grimasse wegen des futuristischen
Beigeschmacks. Die Futuristen sagen: Das Pro-
letariat ist noch nicht reif genug, ist noch nicht
gewachsen genug. Aber es gibt verschiedenes
Wachstum und der Futurismus ist eine krumm
gewachsene Kunst. Er ist die Fortsetzung der
bürgerlichen Kunst mit gewissen revolutinären
.Verkrümmungen'. ' '
Trotzdem soll man diese moderne Kunst all
der Futuristen, Expressionisten und Konstruk-
tivsten nicht als ,,Verkrümmung" sehen, im
Gegenteil: ,,Gewinnt man einen gewissen Abstand,
so bemerkt man, dass es in den Oasen einer so
deprimierend leeren Etappe der bildenden Kunst,
wie sie die Menschheit heute durchläuft, bedeuten-
de Künstler gibt, die neue Versuche auf originale
Weise mit der alten Tradition verbinden . . . Die
Bürger und Genossen, die mir hier zuhören, sollen
nicht glauben, dass ich, wenn ich hier ziemlich
scharf von den hässlichen Seiten des sogenannten
Neuerertums in der Kunst gesprochen und von
den in ihr vorhandenen Elementen des Widersinns
und des Betrugs, damit sagen wollte, sie enthalte
nichts als Widersinn und Betrug. Nein, es gibt
auch wertvolle Arbeit, es gibt dort das Bestreben

der feinfühligsten und aktivsten Künstler, be-
stimmte eigene Erfahrungen auszudrücken und
mit diesem künstlerischen Echo auf die Wirk-
lichkeit, auf den heutigen Tag unseres Lebens
zu reagieren."
Die Diskussion geht nun unentwegt weiter,
um dann in verschiedenen neuen Entschliessungen
des Zentralkomitees ihre schriftliche Fixierung
zu erhalten. Es ist der Appell der Partei an die
revolutionäre Klasse. Denn diese Kdasse ist es,
die das Kulturerbe sich aneignen soll und zugleich
das gesellschaftliche Fundament für eine neue
Kultur schaffen. Dieses Schaffen ist jedoch zugleich
getragen vom öffentlichen Gewissen, und die
Künstler sind Teil dieses öffentlichen Gewissens,
sogar sehr wichtiger Teil. Auch sie haben eine
verpflichtende Aufgabe, auch sie sind engagiert,
engagiert nicht in einem engen doktrinären Sinn,
aber in der Totalität des gesellschaftlichen Seins.
Das sind die Losungen der Partei — aber
derjenige, der sie als Künstler verwirklicht, ist
nicht Kandinsky und nicht Tatlin, nicht Malewitsch
und nicht Krinsky, sondern Majakowski. Wla-
dimir Majakowski ist der künstlerische Genius der
Oktober-Revolution, der jetzt das öffentliche
Gewissen darstellt, es aufruft und ausruft, es
weitertreibt, in Versen und in Reden, in Pamphle-
ten und in Manifesten, in Vortragssälen und auf
Plakatwänden, in Fabriken und in Kasernen.
Er ist es, der den proletarischen Massencharakter
verbindet mit kräftigster Individualität, der poli-
tische Agitation verbindet mit echtem revolu-
tionärem Gewissen, der direkte, allgemeinver-
ständliche Aussage verbindet mit höchstem Kunst-
vermögen, der einen neuen Inhalt mit einer
neuen Form aufs engste verschmilzt. Majakow-
ski ist es, der das Neue Russland genial ankündigt
und verkündigt, der jetzt diese Jahre der Revo-
lution, des Bürgerkrieges, der Intervention, diese
wahrhaft heroischen Jahre künstlerisch in sich
vereinigt.
Die Maler und Bildhauer, die Musiker und
Regisseure besitzen keinen Majakowski, obwohl
sich genialische Köpfe in ihren Reihen befinden —
man denke nun an Kandinsky, an Tatlin oder
Male witsch, an Meyerhold oder Wachtangoff.
Zwar haben sie alle bedeutenden Spielraum, wer-
den sie sogar inmitten grösster Schwierigkeiten
von der Regierung materiell kräftig unterstützt:
so erhält 1919 Kandinsky die Möglichkeit, in

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