Deutscher Wille: des Kunstwarts — 31,1.1917

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Kulturarbeit und MachtPolitik

^^^unmehr also, mit diesem Heft treten „wir" in unser „zweites Men-
> schenalter", tritt der Kunstwart in seinen einunddreißigsten Iahrgang.
^^Ich sprach schon das vorige Mal davon, weshalb ich jetzt nicht mit
einem „Prograinm" für die folgenden Iahre kommen mag. Solange ich
den Kunstwart leite, soll er frei wandelfähig bleiben, anpassungsfreudig
an jede Sachforderung und, wenn's gelingt, immer ein „Morgen-Blatt",
das zeigt, was aufgehen will. Sein eigentlicher Gehalt aber soll nach wie
vor sich mit dem einen Worte umschreiben lassen: Kulturarbeit. Was
verstehn wir darunter? ^

-^ieses voraus: keine Arbeit um feinste Krawatten und Stiefelchen,
^um Bilder, Bücher und Theaterstücke vom „letzten Schrei", um aller-
modernste Gefühlchen und noch nicht ganz erhaschte Beinahe-Gedanken.
Das nicht — was sehr zu unterstreichen, denn wer uns nicht versteht,
behauptet von rechts wie links her: gerade so etwas wollten wir. Er sieht
in den Verfechtern der Kulturarbeit Verfechter der Oberflächen- und Außen-
Kultur, Ästheten, Äberfeinerte und Zimperliche, Leute, nur darauf be°
dacht, in die durchrasten und durchkämpften Straßen der Wirklichkeit Flucht--
inseln für zarte Sinne und Seelchen zu setzen oder gar: die Schauer der
Zeit selber mit gemalten Kulissen zu verbauen. Mißdeutet man doch auch
unser Wort „Ausdruckskultur" immer wieder in solchem Sinne, als fordere
das, alles Bemühn auf eine Wohlgefälligkeit des Ausdrucks zu legen.
Im Gegenteil: gerade das verwerfen wir als Hauptverbrechen jeden For-
mens. Sie erstrebt das Formen aus dem Gehalte heraus, also Wahrhaftig-
keit. Und sie will das unterscheidende Gefühl für Wahrhaftigkeit oder
Verlogenheit oder Verputzung des Ausdrucks, für Echtheit und Reinheit
der Form gerade deshalb verbreiten, weil das zuverlässigste Gefühl für
die Linheitlichkeit von Schein und Sein allein zum Gehalte der
Sache führt. Weiter: „Form" sehn wir nicht etwa nur im Astheti-
schen und nicht etwa nur da, wo sie bewußt angestrebt wird. Form als
Ausdruck sehn wir überall. Gibt eine Rede, eine Zeitung, eine Partei,
ein Staat andre Gründe an, als die wirklichen, so haben wir auch da
eine Fälschung der Form als Ausdruck. Nicht nur das Ausgesprochene

Oktoberheft 191? <XXXI, l)

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