Deutscher Wille: des Kunstwarts — 31,1.1917

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unseres Vaterlandes nach ihrer ganzen Tiefe mit Klarheit und Gründ-
lichkeit gelehrt und mit Liebe in die Herzen eingeführt wird, dann liegt
zugleich ein weiteres nahe, was uns leider seit Iahrhunderten gefehlt
hat: es liegt nahe, daß die verschiedenen christlichen Bekenntnisse sich
einigen und der deutschen Nation in dieser Einigung ihre wahre Einheit
und Stärke wiedergeben. Die Wahrheit nämlich ist nur eine; je näher
wir daher der Wahrheit kommen, je lebendiger wir uns derselben ver-
binden, desto näher kommen wir uns untereinander, desto mehr
schließen sich Geist und Herz der bisher Getrennten aneinander an. Von
jeher haben alle, welche den Geist Christi hatten, im Umgang sich nahe
gefühlt, ob sie auch verschisdenen kirchlichen Bekenntnissen angehörten.
Die Vereiniguyg der getrennten Konfessionen suchen in etwas anderem,
als in dem, worin das Christentum die ewig einen und gleichen
religiösen Bedürfnisse des Menschenherzens besriedigt,
ist vergebliche Mühe. Die Leute der bloßen Schule vereinen sich nie; im
Gegenteil: eben sie sind die ewigen Störenfriede."

Mir dünkt, wenn wir in allen Lagern genug Männer vom Geiste Hir-
schers hätten, dann stünde es gut um den religiösen Frieden in Deutsch-
land; und daß der Freiburger Theologe und Ireniker unter uns Ka-
tholiken, namentlich der jüngeren Generation, immer deutlicher auf den
Leuchter gestellt wird, scheint mir kein übeles Zeichen der künftigen Ent-
Wicklung. Iohannes Mumbauer

Kirchlicher Friede!

,M^u dem Schlechtesten, was dieser Krieg bisher gebracht hat, gehört die
2-^Verluderung des Geschäftslebens im Hinterlande. Zu dem Besten
<!^Faber der Gottesfrieden zwischen unseren Kirchen. Äber das erstere
werden andere ein wildes Wort sagen; ich spreche jetzt von dem Besten.
Es ist mehr als Freude, es ist Glücksempfindung, zu beobachten, wie
rücksichtsvoll die Konfessionen jetzt einander begegnen, wie einig und treu
sie zusammenhalten. Der katholische Priester und der evangelische Pastor
halten im Felde freundnachbarlich Gottesdienst, einer hält gelegentlich für
den andern die Predigt; Luther, wenn er dabei wäre, würde mit dem
katholischen Feldpater gute Kameradschaft haben. Die wenigen Fälle von
Angriff oder Anrempelung, die hüben wie drüben vorkommen, zeigen
erst recht, wie häßlich das ist, und wie schön, daß es eben nur verschwin-
dende Ausnahmen sind, die das freundliche Verhältnis im großen erst
recht herrlich zeigen.

Nicht wahr, das wird so bleiben auch im künftigen Frieden? Für
kritische Geister wird das eigene Haus immerhin genug Stoff bieten, so
daß man den Nachbar anständigerweise in Ruhe lassen kann. Und wenn
das Kritisieren religiösen Gemütslebens ganz aufhört, um so besser.
Das persönliche Verhältnis zu Gott ist Nreigentum des Einzelnen, sei
es nun im Geiste oder in Symbolen, oder in tieferen Geheimnissen, in
denen der Mensch sein Himmelreich findet.

Ich bin im Laufe eines langen Lebens selbst erst allmählich zu der
Äberzeugung gekommen, daß es das wichtigste Zeichen von Gesittung
ist, das Heiligtum des Mitmenschen zu schonen, ja mit zu verehren, in-
soferne es nicht in irgendeiner Weise auffallend gemeinschädlich wird.
Ieder hat seine Treppe in den Himmel, und auf der höchsten Stufe sind
wir doch alle einig: Vertrauen und Seligkeit in Gott.
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