Deutscher Wille: des Kunstwarts — 31,1.1917

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verschiedenen Milieus, zu denen jeder irgendeine lockere Beziehung hat,
daher auch die Liebe zum Abenteuerlichen, das auf der Bühne zu erleben
so außerordentlich bequem ist. Schafft Reibungsflächen für tragische und
komische Entzündungen, laßt starke Naturen ihre Hiinmel und Höllen öffnen,
dann dürft ihr auch ein paar Körnchen Weisheit einstreuen. In andrer
Dosis verweigern wir sittliche und Bildungselemente auf dem Theater,
wir, die Zuschauer — allen Kulturverbänden zum Trotz. Auch dies ein
Ideal, auf Erfahrungen gestützt, schwer zu verwirklichen.

Vom Theatermaler will ich schweigen, der sich nichts Nnmög-
licheres erträumt, als ein einzigesmal ein Stück ohne Voranschlag aus--
statten zu dürfen, und der es ein einzigesmal erleben möchte, daß die
Dekorationen acht Tage vor der Vorstellung fertig und die Darsteller mit
den neuen Kostümen zufrieden wären. Der Theaterleiter endlich,
in seiner idealen Zusammensetzung ungeboren und undenkbar, ist, genau
genommen, mit seinen Idealen am schlimmsten dran; denn er soll die
Summe der angedeuteten vier, fünf Nnerreichbarkeiten ziehen, sie zum
vereinten Prinzip erheben und damit pünktlich die Gagen bezahlen. In
Wirklichkeit ist er froh, wenn er zwischen allen Nnmöglichkeiten und Un-
zulänglichkeiten sein Schifflein leidlich lecklos in den Hafen der jeweils
nächsten Ferien bringt.

In keinem bürgerlichen Berufe stehen arm und reich so kraß neben-
einander wie im theatralischen, der es doch durch ein Gesetz anstrebt, für
bürgerlich zu gelten. Es kann vorkommen, daß — etwa bei einem Gast-
spiel — der Darsteller des Karl Moor ein Iahreseinkommen von 800 Mark,
der des Franz eines von 80 000 Mark hat. Derartige Ilnterschiede mögen
in einzelnen Fällen lähmend wirken, im allgemeinen aber schaffen sie
Leben bis zu hohen Fiebergraden. Der weite Spielraum zwischen den
möglichen Lebensstellungen ist der Tummelplatz des Ehrgeizes; das starke
Talent überflügelt das schwache und rückt mit dem vorteilhafteren En-
gagement nicht nur in angenehmere Verhältnisse ein, sondern auch —
bewußt oder unbewußt — den Idealen näher. Ferdinand Gregori

Alexandrinische Zukunft oder Futuristengefahr?

Zur mustkalischen Lage

>^-in reizvolles und zugleich peinliches Schauspiel wurde heuer den
E^Musikfreunden in Deutschland gegeben. Dessen Thema: Gegenwart
^»^und Zukunft der deutschen Musik und der Musik überhaupt. Die
Spieler: Ferruccio Busoni und Hans Pfitzner. Busoni versuchte sich an
dem „Entwurf einer neuen Asthetik der Tonkunst" (Insel-Bücherei), Pfitzner
gab dazu ein Streitschriftchen: „Futuristengefahr" (Süddeutsche Monats-
hefte) heraus. Auf wenig Raum spiegelu diese Schriften die wesentlichsten
Möglichkeiten des Versuchs, das Ganze der Musikentwicklung gleichsam
mit einem Blick wertend zu überschauen.

Busoni spricht nüchtern über die Vergangenheit ab; er erblickt in allem
bisher Geschaffenen bescheidenste Anfänge einer einmal vielleicht werden-
den wahren Tonkunst, für ihn hat trotz der Iahrhunderte musikalischen
Schaffens, die hinter uns liegen, die Entwicklung der Musik eigentlich
noch nicht recht begonnen. Pfitzner erfreut sich des reichen Besitzes, emp-
fänglich für seine ungezählten Schönheiten und Möglichkeiten, indes „sein
Gefühl neigt zu der Ansicht": daß „unser letztes Iahrhundert oder unsere
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