Deutscher Wille: des Kunstwarts — 31,1.1917

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dem Wege. In ihr spüren wir heute so lebendig wie je auch Luthers
Atem. Sie kündet nur von einem Teil seines Werkes, aber sie zeigt zur
Genüge, wie der große Säemann durch die Iahrhunderte mit uns ge--
schritten ist. P. Th. Hoffmann

Zum Abschluß*

^^ie entscheidende Größe, und ich wage zu sagen, die entscheidende
VDeutschheit der Seele Luthers möchte darin zu erkennen sein, daß
er, ein so unablässig gedanklich arbeitender wie kampffroher Tat-
mensch, mit dieser seltnen Vereinigung der beiden innersten Grundkräfte
des Menschentums sich nicht genügen läßt, sondern beide, Gedanken und
Willenstat, zurückleitet in ein letztes Ursprüngliches, das über beiden, aus
dem beide sind: nicht Einsicht, nicht Willen nach Menschenart, sondern das
letzte Äbennenschliche, ebendarum älrmenschliche, Göttliche, aus dem beides
fließt, in dessen Hand der Mensch nur Werkzeug ist dem größeren „Werk--
meister"; Werkzeug zugleich und Material; und nur jubelt, von ihm
ganz durchglüht zu werden, „gleich als das Eisen glutrot wird wie das
Feuer aus der Vereinigung mit dem Feuer". Das ist, wenn irgendetwas,
Erfahrung in ihm, und diese Erfahrung ist die Wurzel seines Wesens,
ist der Grund seiner stolzen Haltung gegen alle Gewalt der Erde, gegen
die „Welt voll Teufel". Diese Unbedingtheit des Alles oder Nichts: „Mit
unsrer Macht ist nichts getan. . . Nehmen sie den Leib ... laß sahren
dahin, sie habens kein Gewinn": nichts werden sie genommen haben —
dies rückhaltlose fröhliche Opfern alles Außern, das grade und das allein
ist der Sieg, den nichts und der alles überwältigt. „Das Reich muß uns
doch bleiben" — kein äußeres Imperium, doch eine innere, beherrschende
Stärke, der alles in dieser Welt unterliegen muß, weil sie „nicht von
dieser Welt ist": die des ewigen „Wortes" (wir sagen sonst, vornehmer
vielleicht, aber nicht kräftiger: der „Idee"). Bedeutet, nach Fichte, Deutsch-
heit Nrsprünglichkeit, so hat es keinen deutscheren Mann gegeben als
Luther, und ist heute, wo unser Volk leiblich, geistig, sittlich und seelisch
vor das härteste „Alles oder Nichts" gestellt ist, keiner, an dem es sich
aufrichten könnte wie an ihm. Das hat nichts zu tun mit Bekenntnis und
Kirche. Der einzige, der sich mit Luther darin vergleichen kann, ist der
deutscheste geistige Mensch des Mittelalters: Meister Eckehart; er hatte
es in gleicher Tiefe erkannt und erfahren, daß die Seele nur, indem sie
alles daran gibt, alles, Gott selbst, gewinnt. Wäre das allgemein be-
griffen, dann müßten, so wie diese beiden im letzten sich begegnen, heute
Protestant und Katholik sich die tzände reichen und in ihrer innersten,
deutschen Seele sich eins erkennen. Wirklich wird das die Entscheidung sein:
ob solche Deutschheit im Deutschen noch lebt und stark genug ist; dann,
nur dann werden wir siegen, und wird unser Sieg ein „deutscher Sieg"
sein. Wenn aber nicht — und wäre der äußere Sieg der glänzendste —,
so sind wir „gar bald verloren", und kauft kein Ablaß uns los von der
Schmach der Verleugnung unseres Heiligsten.

Das bedeute uns der 5(. Oktober (9(7! Paul Natorp

* Mit diesem Beitrage schließt der Kunstwart jene Aufsätze znm Gedenktage
au die Reformation ab, welche wir der Papiernot wegcu nicht in einem Hefte
unterbringen durften. Als Dürerbundschrift crscheinen sie Mitte November gc°
sammclt unter dem Titel: Zum R e f o r m a t i o n s f e st, Beiträge von Prote-
ftanten und Kotholiken: Geher, Eucken, Troeltsch, Weinel, Wundt, Planck,
Mumbauer, Rosegger, Gogarten, Avenarius, Bonus, Noethc, Hoffmann und
Natorp. Preis 75 Pfg., Sonderausgabe für Mitglieder des Dürerbundes 50 Pfg.

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