Deutscher Wille: des Kunstwarts — 31,1.1917

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Zerstörung und Bernichtuug vou Kulturwerten darstellt. E8 ist auch nicht
schwer zu gewahren, daß sie immer so gewirkt hat, daß ein tiefgehender
Widerspruch und Gegensatz, trotz vielfacher Berührungen und Befruch-
tungen, vorhanden ist zwischen Technik uud Kunst, wie zwischen Kunst
und Wissenschaft; und daß die ganze Fülle des gemeinschaftlichen Lebens
vermöge dieser Mächte, die es selbst erzeugte, mit Zersetzung bedroht wird,
ja zum guten Teil schon solcher verfallen ist. Wie man im Zeitalter der
Reformation an die Rettung der Einzelseele dachte, so müssen wir an
die Rettung der Volksseele denken. Wenn wir ihr auch keine
Ewigkeit zuschreiben dürfen, so hat sie doch etwas Ieuseitiges oder Meta-
physisches an sich, im Vergleiche mit den Erregungen des Tages, in dem
das Volk als eine Menge von Individuen erscheint, vorübergehend ge°
eint und wie von seiner eigenen Idee erhoben, aber bald wieder als eine
Mannigfaltigkeit durcheinander wirbelnder Stimmen, deren jede dem
Hunger und anderen Begierden schreienden Ausdruck gibt.

Wenn es eine Religion geben könnte, die nichts sein wollte als An-
dacht zu Ewigkeit und zu Werten, die in die Ewigkeit hinausweisen, so
würden auch wir uns freudig dazu bekennen, die wir am Christentum
nur insoweit festhalten, als es zu diesen Edelwerten gehört. Mit einer
solchen Religion, die alles gute und schöne Wissen in sich aufnähme, ver°
möchten wir besser als mit den zersplitterten Glaubenspartikeln, die bei
der großen Menge den geistig-sittlichen Blutumlauf hemmen, anstatt ihn
zu fördern, der herannahenden Kulturdämmerung zu trotzen. Im Schoße
jener werden wir die Heiligtümer der Menschheit aufbewahren für kom-
mende Geschlechter, auch wenn diese nicht unsere fernen Nachkommen sein
werden; unsere Kinder und Lnkel aber werden wir dazu erziehen, daß
sie ihre große Aufgabe darin erkennen: die Volksseele vor Verwahr-
losung zu retten, der Weltseele durch frommes Schaffen und Wirken zu
dienen. Ferdinand Tönnies

Vollender und Neuanfänger

^m^ie menschliche Natur ist ihrem Wesen nach so sehr Bewegung in
>-H^Zdie Zukunft, daß sie ihre großen Männer ganz einseitig als An-
fänger zukünftiger Entfaltungen aufzufassen pflegt. Aber sie sind
das nur, sofern sie zugleich Vollender langer Entwicklungen sind. Sie
sind Zusammcnfasser weiter Vergangenheitjahrhunderte mit entfernten Zu-
kunftentwicklungen. Sie sind hierin wie auch sonst Offenbarungen, weil
Ebenbilder, der Gottheit. Denn allerdings auch Gott ist in erster Linie
und vor allem die Kraft, welche die Zukunft heraufruft. Daran scheitern
in der Bewegung der wirklichen Frömmigkeit die meisten pantheistischen
Anschauunggefüge. Sie pflegen die Gottheit in das All zu bannen, das
da — und damit vorbei ist. Was ist, ist vergangen, indem man es aus-
spricht; was wahrhaft ist, ist Zukunft. Die theistischen Gefüge umgekehrt
haben darin ihre lebendige Kraft, daß sie Gott in die Zukunft stellen, in
unvorstellbar fern vor uns aufleuchtende Ziele. Eben dadurch aber kommt
in sie leicht Ruhelosigkeit. In Wahrheit umfaßt die Gottheit beides, Voll-
endung und Anfang. Sie ist ruhevolles Schaffen; sie ist Seligkeit und
Schmerz der Wehen in einem. Sie ist eben Kraft.

Hierauf liegt nun aber der Hauptnachdruck bei der Auffassung der ganz
Großen als Anfänger neuer Aufrollungen: in der weiten Ferne des Ziels,
das sie schauen, besser: ahnen oder spüren. Nnd darin liegen die meisten
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