Deutscher Wille: des Kunstwarts — 31,1.1917

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fünften Reichsvogt« und in seinem sozialen Staatsentwurf im „Geschlos-
senen Handelsstaat". Die Atopie ist zwar mißlnngen, zeigt aber Loich das
Problem. In diesen drei Stücken sehen wir den ersten Neuansatz zur
wahren Nachfolge Luthers.

Die Männer, die heute Bilder möglicher Zukunftstaaten entwerfen,
lehnen die religiöse Verankerung ab. Soweit das nicht zufällig durch die
sinnlose Haltung unsrer Kirchen bedingt war, sondern sachliche Gründe
hatte oder wenigstens vorschützte, kamen diese Gründe darauf hinaus,
daß die religiöse Vertiefung Kraft verbrauche, die der Arbeit gehöre. Das
rst nun eine ganz richtige Beobachtung. Nur hat sie denselben Sinn wie
die Beobachtung, daß die Heeresverpflegung und der Gesundheitdienst dem
Schützengraben Kräfte entziehen, oder daß die an das Fundament gewandte
Arbeit dem Aufbau des eigentlichen Hauses entzogen werde. Denn so
fruchtbar der Gedanke von einem wirtschaftlichen Anter- und geistespfleg-
lichem Aberbau für Erforschung und Darstellung der Kulturgrundlagen
sich erwiesen hat, so steht es doch auf die Wirksamkeit gesehen genau um°
gekehrt. Nicht zuletzt dieser Krieg hat uns gezeigt, daß auf lebendige Men-
schen und Menschenmassen letztlich stets nur sittliche und Glaubensüber-
zeugungen wirksam sind. Dazu kommt, daß eine sachliche Staatsordnung,
wie wir sie wünschen, ohne jahrhundertelange Pflichterziehung strengster
Art ganz undenkbar ist. Dieses staatliche Ideal ist durch die Iahrtausende
gewachsen und die religiöse „Reichgottes"-Idee war einer seiner stärksten
Antriebe, war geradezu Saft und Kraft seiner Vorformen. Nur der
Kampf gegen religiöse Aberwucherung und Verbiegung hat Sinn, nicht
der gegen religiöse Vertiefung.

Hat nun aber schon Luther nach kurzem Schwanken versucht, die ganze
kirchliche Organisation als selbständige Gemeinschaft aufzuheben und in
eine bloße „Lehr"°Organisation umzubilden, und hat er die geschichtliche
Religion auf einige wenige einfache und große Sätze zurückzuschneiden
unternommen, so liegt es durchaus in seiner Linie, in dieser Vereinfachung
weiterzuschreiten und den gewaltigen religiösen Strom aus den Tiefen
her mit seiner vollen Kraft dem Schwungrade des Tageslebens auf die
Schaufeln zu leiten. Wir würden darin zugleich die unvollendet gelassene
Erbschaft Fichtes aufnehmen, der den mystischen Unter-, den geschicht-
religiösen Mittel- und den sozialstaatlichen Oberbau nur erst ganz un°
verbunden übereinandertürmte. Bonus

Deutsche militärische Jugenderziehung

urch den Weltkrieg ist die Forderung der Wehrhaftmachuug und Er-
'--D I tüchtigung aller jugendlichen Kräfte brennender denn je geworden und
hat eine umfangreiche Literatur gezeitigt.

Beim spartauischen Knaben begann die uuausgesetzte körperliche Ausbildung
durch den Staat in dessen siebentem Lebensjahre. Mit seinem achtzehnten wurde
der Ephebe wehrpflichtig, bis zum dreißigsten dauerte die kriegerische Erziehung,
bis zum sechzigsten seine Wehrpflicht selbst. Fast wie ein Erneuernwollen
dieses vergangenen Zustandes mutet das an, was Max Graf von Moh*
fordert: Vom 6. bis s2. Iahre soll der deutsche Iunge durch entsprechende
Lehrkräfte pflichtmäßig in natur- und heimatkundlichen Ausflügen, Gelände-

* Militärische Iugenderziehung. Vortrag, gehalten in der Elternvereinigung,
von Max Graf von Moh. Verlag Carl Schnell, München. 2H Seiten Oktav.
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