Deutscher Wille: des Kunstwarts — 31,1.1917

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wühlenden Konflikt aufgegeben ist. Wird sie nicht in Angriff ge-
nommen, wer will sagen, ob nicht das Schicksal unsern Erdteil dann
noch ganz anders in die Lehre nimmt, als es mit dem deutschen Aufstieg
geschah — wenn die fünfhundert Millionen gelber Völkerschaften, viel-
leicht die entsagungfähigsten und entsagungwilligsten der Erde, erst ein-
mal beginnen, ihrerseits Ton und Sitte des „friedlichen" Weltwett-
bewerbs zu bestimmen. H. Herter

Gedanken zum 31. Oktober 1917

^^v^-enn wir uns vorstellen wollen, wie stark das Verlangen nach Re-
H Mformation der Kirche, an Haupt und Gliedern, während des
und s6. Iahrhunderts gewesen ist, so ist es geraten, daß wir der
„Sozialreform" gedenken, die nun seit etwa zwei Menschenaltern uns in
den Gliedern sitzt, deren Anfänge indessen früher schon die Gehirne erregt
hatten. Aber ein Anterschied ist auffallend: der Gedanke einer fortschrei-
tenden Entwicklung lag jenem vergangenen Zeitalter, dessen Gedächtnis
wir in dem größten deutschen Vertreter seines Geisteslebens feiern, fern,
während dieser Gedanke heute vorwaltet. Die Reformation wollte und
sollte die Kirche in ihrer ursprünglichen schlichten Gestalt als die christliche
Gemeinde wiederherstellen, sie wollte und sollte eine Restauration sein:
sie richtet sich gegen Verweltlichung und Verderbnis der Kirche,
um daraus die lautere Gestalt eines allgemeiuen Priestertums heraus-
zuschälen, das in Gottseligkeit die Wiederkunft des Herrn und das tau-
sendjährige Reich erwartet. Auch heute glauben viele an ein heran-
nahendes Weltreich des ewigen Friedens, der gemeinschastlichen Volks-
wirtschaft und gleichmäßigen Verteilung der Güter; die Lrlösung von den
ungeheuren sozialen Abeln, die uns bedrücken, wie von den Greueln der
Kriege und Klassenkämpfe, erwarten sie als Folge dieser sozialen Neu-
gestaltung. Auch dieser Idee ist die Vorstellung nicht fremd, daß die bis-
herigen, in der Zivilisation entfalteten Formen des sozialen Lebens und
Rechtes Entstellungen der ursprünglichen Brüderlichkeit und Gemein-
schaft seien, möge man diese nun in die Anfänge der Geschichte setzen
oder sie sogar noch in einem Mittelalter verwirklicht finden, das noch
nicht vom kommerzialistischen Geiste der anderen Gesellschaft, vom „Ka°
pitalismus" angefressen oder durchseucht war. Aber der typische Vor-
kämpfer des sozialen Fortschrittes sieht ebenso sehr, wenn er im voll-
endeten Sozialismus als wenn er im vollendeten Individualismus sein
Ideal erblickt, mit Geringschätzung und Genugtuung auf die Roheit des
barbarischen Mittelalters wie vollends auf die ursprüngliche tierische
Wildheit menschlicher Zustände zurück: es sind für ihn überwundene und
vollends zu überwindende Phasen der Lntwicklung, in der ihm jede
spätere Stufe eine höhere Stufe bedeutet. So erscheint ihm die Aufgabe
der Kultur als die Züchtung einer veredelten menschlichen oder gar über-
menschlichen Gattung, wenngleich dieser Gedanke über die anfänglichen
Formen des Fortschrittgedankens hinausgeht, worin die zunehmende
Herrschaft über die Kräfte der Natur an sich schon als bisheriges Lrgebnis
und als ferneres Ziel erscheint. Immer gilt die Erkenntnis und die
Wissenschaft als des Menschen allerhöchstes Vermögen, durch seine Äbung,
und also durch Erfahrung, durch das Leben selber wachsend, als das
Gerät des Menschenbildners, der durch Lrziehung den einzelnen Men-
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