Deutscher Wille: des Kunstwarts — 31,1.1917

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erhielte; gerade in letzter Zeit ist von tzistorikern, Iuristeir, National-
ökonomen, Philosophen, führenden Schriftstellern usw. so tzervorragendes
für Luther geleistet worden, daß alle diese Kreise mitwirken müßten, um
Luther im Ganzen seines Wesens und Wirkens für das deutsche Volk
fruchtbarer zu machen, als bis dahin geschehen ist. Die Wege werden
sich schon finden lassen, wenn nur ein fester Wille und bestimmter Ent--
schluß vorhanden ist. Dieses aber möchten wir aufrichtig wünschen, damit
die heurige Gedenkfeier nicht flüchtig vorüberraufche, sondern in ein fort-
dauerndes Werk bedeutender Art einmünde.

Iena. RudolfLucken

Bom tzeute fürs Morgen

Weihnachten

ir feiern ja auch die Geburtstage
anderer großer Wohltäter der
Meuschheit. Aber an der Krippe in
Bethlehem werden wir uns erst ganz
klar, was das bedeutct. Das Größte
wird nicht, sondern es ist. Nicht
durch die Werke, die er später tat,
oder die Worte, die er in die Men--
schenseelen hineinschrieb, ist Iesus der
Heiland geworden, sondern weil er der
von seiner Geburt an war, konnte er
oder mußte er das wirken, was die
Geschichte von ihm berichtet. Nur, daß
wir nun nicht an Weihnachten heran-
gehen und banen einen Zaun um die
Krippe, durch den wir sie von allen
Wiegen und Kinderbcttlein der Welt
absondern. Es ist hier ja gerade offen-
bar geworden, was überall gilt. Auch
wir werden nicht durch unsre Taten
gut oder böse, sondern wir müssen zn-
vor gnt oder böse sein, um so oder
anders handeln zn können. Ein Christ
gleicht dem Christus eben darin, daß
er, wie Luther gesagt hat, „nicht ge-
macht, sondern gcboren wird". Er soll
ein solcher Mensch sein, „der es von
Geburt habe, es läßt sich nicht schnitzen
noch flicken mit Werken, wie Moscs
Schüler und alle Werkeler, so es mit
Gebieten tun wollen und hie ein Wcrk
und dort ein Werk heraustreiben und
doch nichts ausrichten, sondcrn es ge°
hören nene Menschen dazu, die da
heißen geborene Kinder Gottes". „Wer
ein Lhrist sein soll, der muß sein natür-

lich geboren nnd gewachsen aus dem
Weinstock Lhristo." „Denn die zwci
sind und bleiben allzeit weit unter-
schieden: eins heißt gemacht, das an-
dere genaturt oder gcwachsen." Wir
wollen also alles Beengcnde und Ab°
sondernde auch ans den hicr gebrauch-
ten Worten ansscheiden. Wir sind,
wenn wir das Vollkommenste sind, was
wir sein können, Menschcn, und Lhri-
stns will nach seinem eigenen Zeugnis
anch nichts anderes scin als Menschen-
sohn, d. h. Mensch, und Gottessohn
niemals unter Ausschluß oder mit Ab°
streisung der mcnschlichen Natur. Gehen
wir von der Krippe Iesu in Gedan-
ken zu den Wiegen allcr derer, die wir
neben ihm nennen wollen oder nennen
können, dann entsiegelt sich uns das
Geheimnis des Aufstiegs in der Ge-
schichte. Weil immer wieder, uns un°
begreiflich und cin reines Wunder,
Menschen, die Gotteskinder sind, und
Gotteskinder, die Menschen sind, ge°
boren werden, darum können wir der
Menschheit froh werden, wenn wir auf
die Wege zurückschauen, die sie durch-
schritten hat, und für sie hoffen, wcil
ja, wer kann sagen, welchc Kripplein
und Bettlcin auf die Gottesgabe war-
ten, die in sie hincingelegt wcrden
wird zur rechten Zcit, auf das Kind-
lein, das so gewachsen und so geboren
und so genaturt ist, daß es einmal ebcn
das vollbringen wird, was die Zeit
braucht und Gott haben will.

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