Deutscher Wille: des Kunstwarts — 31,1.1917

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auseinandergehender Parteien manches tüchtige und treffende Wort ge-
sprochen und dadurch die Anfangszeit der Reformation weiteren Kreisen
wieder deutlich vor Augen gerückt worden. Aber bei allem, was sie bot
und erreichte, mußte die Feier Schärferblickenden einen Mangel zu deut--
lichem Bewußtsein bringen: das deutsche Volk kennt Luther
im Ganzen feines Wirkens und Wesens viel zu wenig,
es hat daher an ihm nicht, was es an ihm haben könnte.
Wir wissen jetzt, daß das leibliche Bild Luthers, wie es uns überliefert
ward, seinem wirklichen Aussehen nur ungenügend entspricht, daß es den
großen Mann viel zu derbe und aufgedunsen, unter viel zu wenig tzer--
vorhebung seines wunderbaren Auges darstellt. Nicht anders steht es
aber mit seinem geistigen Bilde, es verweilt einseitig bei dem, was bei
Luther sicherlich das Größte, aber keineswegs das Ganze ist, bei seiner
religiösen Leistung; diese Leistung selbst wird aber in ihrer Einzigartig--
keit nicht zutreffend gewürdigt, weil das gesamte Seelenleben des Mannes
in seiner Weite, Tiefe, Bewegung dabei nicht vollauf gegenwärtig ist.
Oft erscheint Luther als eine bloße Kraftnatur, die geradezu Lust am
Angriff und Streit besitze, man übersieht oder beachtet doch nicht hin-
länglich, was an inneren Bewegungen und schweren Kämpfen dabei in
ihm vorging; bei größter Tüchtigkeit der neueren Forschung wissen weitere
Kreise viel zu wenig von der Verinnerlichung und Kräftigung, die er am
gesamten Umfang des Lebens vollzog, sowie von den fruchtbaren An--
regungen, die auch wir aus ihm schöpfen könnten; wie wenig weiß man
z. B. von seinem innigen Verhältnis zur Natur, von der Kunstform seiner
Sprache, von seiner Stellung zum Recht und zu staatlichen wie wirtschaft-
lichen Dingen; oft wird darüber viel zu summarisch geurteilt, vft fehlt
ein Verstehen aus der unvergleichlichen Eigenart des Mannes. Auch
könnten die Hauptschriften Luthers im deutschen Volke weit verbreiteter
sein als sie in Wahrheit sind; die Schule endlich könnte noch weit
mehr an ihm haben. Kurz, es bleibt dabei, daß Luther im Ganzen seiner
Art unserem Volke viel zu wenig vertraut ist, und daß es hier noch viel
zu gewinnen gibt. Daß Luther der Mann ist, welcher dem deutschen Idea-
lismus zuerst die ihm eigentümliche Prägung gegeben und damit unser
Volk auf den Weg zu einer geistigen Weltmacht geführt hat, das müßte
uns allen gegenwärtiger sein, das würde auch diejenigen Luther näher
führen, welche seine Theologie nicht zu teilen vermögen, kurz, hier liegt
eine wichtige Aufgabe vor, die noch der Lösung harrt.

Sicherlich kann verschiedenes zu solcher Lösung geschehen; wir möchten
hier auf einen Weg verweisen, den der Blick auf andere geistige Führer
unseres Volkes nahelegt. Unter diesen Führern dürften Luther, Kant,
Goethe die größten sein. Nun wohl: wir haben eine Kantgssellschaft,
welche die philosophischen Kräfte unseres Volkes unter dem Zeichen Kants
zu sammeln sucht; wir haben eine Goethegesellschaft, welche ein Mittel-
punkt literarischer und künstlerischer Bestrebungen geworden ist; warum
nicht auch eine Luthergesellschaft, welche nach anderer Richtung sammelnd
und fördernd wirkte? Der gegebene Sitz einer solchen Gesellschaft wäre
natürlich Wittenberg, das damit eine bleibende Aufgabe schönster
Art erhielte; die günstige Lage Wittenbergs zwischen Halle, Leipzig, Berlin
macht es leicht, die dort vorhandenen Kräfte durch weitere aus jenen
Städten zu ergänzen. Darauf freilich wäre von vornherein das Augen-
merk zu richten, daß die Sache nicht einen einseitig theologischen Charakter
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