Deutscher Wille: des Kunstwarts — 31,1.1917

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bildet den Schrecken der schwächer Begabten. In der Tat: ihre Aussichtett
sinken von Iahr zu Iahr. Wer wird nicht lieber die großen älteren Per-
sönlichkeiten auf sich wirken lassen, wenn die jüngeren nicht nur geringeren
Kalibers, sondern nicht einmal wahrhaft eigenartig sind?

Nun kann freilich niemand leugnen, daß vielletcht — vielleicht! — auf
Busonischen Wegen mancherlei wirklich „Neues" auch ohne Einsatz der
jedesmal einzigartigen und darum neuen Werte einer schöpferischen Per--
sönlichkeit zn finden sein mag. Skriabin, Schönberg, Debussy, Ravel,
Busoni selbst sind ja eiftig am Werke, es zu suchen, und erfreulicherweise
nicht nur durch Entwürfe zu neuen Asthetiken. Scharen von Iüngern
eifern ihnen nach, denen man dies, wie gesagt, gar nicht verdenken kann.
Indessen, so viel sehen wir doch anderseits auch schon: alle diese Versuche
mit tonlicher Rngebundenheit, Drittel-- und Vierteltönen, mit neuen In-
strumenten und Klangkombinationen bleiben Besitz einer verschwindend
geringen Minderheit. Eine völkische Offentlichkeit, die wahrhaft für sie
empfänglich wäre, finden sie nicht, da unser ganzes Volk durch seine musi--
kalische Erziehung und durch seine Organisation aus die bisherigen Systeme
und Gesetze sehr fest eingestellt ist,- und vielleicht doch auch, weil diese Neu-
töner noch nicht die zwingenden Persönlichkeiten sind, welche es umstellen
könnten, sondern nur Wegebahner, wie sie je und je den Meistern voraus-
gingen, um dann, kaum noch beachtet, zu verschwinden. Dann aber sehen
wir nicht minder, daß sie eine Nnzahl von Iüngern auf ihre Bahn locken,
die schlechterdings elend auf ihr zugrunde gehen müssen — eine wirkliche
„Futuristengefahr"! —, und daß sie sogar einen Teil des Publlkums
kopfscheu machen, zu Eitelkeit, Blasiertheit und Verkogenheit bringen, und
diese Gefahr ist wohl auch nicht gering. Denn dieser seltsame Zustand tritt
in einem Augenblick ein, in dem der edelste Besitz, den uns jöO Iahre
hinterließen, wahrlich noch bei weitem nicht Volksbesitz geworden ist. Wer
will da einem Künstler von Pfitzners Rang scharfen Widerspruch verargeu!
Und wer möchte nicht wenigstens erwägen, ob die Zukunft schöner, reicher,
glücklicher wäre, die „nur" ein alexandrinischer Abend frohen Besitzes und
vertrauensvollen Zuwartens ist, oder die andre, die vielleicht doch nur
ein irres Iagen nach Haschisch und Opium bedeutet! Franz Gürtler

MiL oder ohne?

Jn Sachen der Dcnkmälcr

Städten mit weniger Einwohnern als hunderttausend, so spottet
^I^Heine Sage, darf ihr bronzener Heldenkaiser stehn, bei Städten mit
^^mehr aber muß er reiten, und bei Städten über einer halben Mil-
lion bekommt er noch Allegorie-Dienerschaft mit hinauf. Daß der Erz-
mangel uns von dem Geist, der hier verlacht wird, befreit, das ist ja zu
hoffen. Ich meine aber, er könnte uns noch von einem viel allgemeineren
Aberglauben befteien. Von dem, daß überhaupt etwas „hinauf muß".
Und ich habe die Hoffnung, daß es dazu komme, wenn nach der Einziehung
soundso vieler bronzener Herrschaften zum Heeresdienste die Leute sich
daran gewöhnt haben werden, die Postamente ohne sie zu sehn. Möge
man schließlich so weit gekräftigt sein, daß man anf die Frage: was soll
auf die verwaisten Sockeln? — die einfache Antwort geben kann: nichts.

Schon vor einer Reihe von Iahren hab ich den Lesern am Beispiele
des Berliner Roon-Denkmals zu veranschaulichen versucht, was ich meine.
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