Deutscher Wille: des Kunstwarts — 31,1.1917

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die Hand zu nehmen. Hat er den blinden Gewalten der nationalen
Macht, des Mammons, zusamt dem Druck der Massen festen Halt ge»
boten und bestimmte Wege gewiesen, so ist ihm damit auch der Schlüssel
zur Lösung der strittigen Weltanschauungsfragen in den Schoß gelegt.
Dann wird das Volk wieder bei ihm finden, was es so lange vergeblich
gesucht und so oft schmerzlich entbehrt hat. Reinhold Planck

Luther als deutscher Mensch

Lieber Herr Avenarius!

^»hre Aufsorderung, ein Wort über Luther zu sagen, ist nicht die erste,
Odie ich in diesen Wochen erhalten habe. Aber sie ist die erste,
die nicht meine Ansicht über irgend eine Seite seiner Persönlichkeit
kennen zu lernen wünscht, sondern meine Meinung über diesen Mann
überhaupt, und darum antworte ich Ihnen gern, während ich z. B. über
Luther als Reformator bekennen müßte, daß dies nicht die Seite ist, die
ich an ihm als die größte schätze. Es hat noch manche andere Refor»
matoren, es hat aber nur einen einzigen Luther gegeben. Und was
Luthers Verhältnis zur Philosophie seiner Zeit betrifft, über das ich
gelegentlich interpelliert wurde, so wüßte ich nur dies zu sagen, daß
ich ihm nicht zum wenigsten zum Verdienst anrechne, daß er von den
haarspaltenden dialektischen Künsten dieser Philosophie selbst völlig unbe-
rührt geblieben ist. Aber ich meine, wenn wir heute dankbar an
Luther zurückdenken, so ist es der deutsche Mann, der wie kein anderer
den deutschen Geist nach allen Seiten seiner Eigenart, wie er uns in
seinen Grundlagen schon in Recht und Sitte der germanischen Vorzeit
und dann in immer neuen und doch immer wieder übereinstimmenden
Grundformen in der Folge der Iahrhunderte entgegentritt, in seiner
eigenen Persönlichkeit spiegelt. Es ist der Deutsche in der Innigkeit
seiner Beziehung zur Gottheit wie in seinem offenen Sinn für die
Natur und für das Leben in der Gemeinschaft, den wir in ihm verehren.
Es hat andere Männer gegeben, die im einzelnen vielleicht größer und
gewaltiger als er das deutsche Wesen in sich verkörpert haben, keinen,
in dem wie in ihm alle diese Züge zur vollkommenen Harmonie und in

unmittelbarem Linklang mit den eigensten Regungen der deutschen

Volksseele vereinigt waren. Die tiefe religiöse Mystik eines Meister
Eckardt klingt in ihm ebenso an, wie er den sittlichen Geist der Kantischen
Ethik und die nationalen humanen Ideale der folgenden Zeiten in
ihrer spezifisch deutschen Gestaltung vorausnimmt. Wie er die deutsche
Sprache zu einem Werkzeug des deutschen Denkens umgeschaffen hat,
so liegt in ihm vorbereitet die deutsche Poesie und Musik der kommen»
den Iahrhunderte. Und wo immer wir in der Zukunft den deutschen

Charakter in irgendeiner Persönlichkeit auch nur nach bestimmten Seiten
hin besonders ausgeprägt vorfinden, da erinnert sie uns an Luther.
Sie alle sind seine Nachfolger, mögen sie nun als Meister der Töne
die Tiefe des deutschen Gemüts zu ergründen gesucht oder als Dichter
und Denker dem dentschen Geiste neue Wege eröffnet haben. Das Beste
was er als Reformator geleistet, ist vielleicht dies, daß er allen und
jeden Heiligenkultus verbannt hat, und so wollen auch wir ihn als

Menschen verehren, der, ein Sohn des Volkes, die Züge des deutschen
Volkscharakters in seiner Persönlichkeit vereinigt: den Sinn für den
Ernst wie den Schmuck des Lebens, die Pflichttreue im Beruf und die

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