Deutscher Wille: des Kunstwarts — 31,1.1917

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dern auch die gefährlicheren Versuchungen, wie sie die Stimmung der
Zeit, die Furcht vor dem Alleinstehn, der Respekt vor Herrn Omnes mit
sich bringt. Luther wollte nie, daß Herr Omnes regiere; er hat sein Volk
geliebt wie kein zweiter, aber des Volkes Herrschaft aus trüber Erfahrung
stets verworfen, stets den Gehorsam vor der christlichen Obrigkeit mit der
Freiheit des Lhristenmenschen vereinigt. Aber wo sein Gott ihn rief, da
stand er auch gegen den lange verehrten Kaiser, den geliebten Fürsten, den
vertrauten Freund in heitrer Unerschütterlichkeit: „Gott helfe mir, Amen!"
Das ist in Wahrheit geistige Aristokratie. Aber von diesem aristokratischen,
sich selbst getreuen Geiste wollte er allen seinen lieben Deutschen und Mit--
christen eine köstliche Mitgift ins Herz senken. Hier liegt die Wurzel, aus
der sich dann die herrliche Blüte der „Persönlichkeit" im Goetheschen Sinne
entfaltete. Und an dieser Stelle ruht der große Leitgedanke, der berufen ist,
die Menschheit zu verjüngen, wenn es deutscher Art und Kraft gelingt, sich
zur Führung eines Weltkreises durchzuringen. Diese heilige Äberzeugung,
die den Deutschen ganz auf sich selbst stellt, wird ihm einen immer grö-
ßeren Vorsprung vor der gesellschaftlichen „Zivilisation" seiner Feinde
sichern. Sie fühlen es. Darum suchen sie uns auch das abgeschmackte
Gift ihrer demokratischen Heilslehren in den immer noch leidlich gesun-
den Volksgeist zu spritzen. Nur dann können wir wahrhaft siegen, wenn
wir diese schwerste Gefahr, diese bösartigste Waffe überwinden. Drei Ge-
waltige weisen uns, jeder in seiner Art, den gleichen Weg: unsre guten
Geister, Luther, Goethe, Bismarck. Und wir sollten zweifeln? Bleiben wir
uns getreu in dieser vornehmen, reichen deutschen Freiheit, die den tiefsten
Gegensatz darstellt zu den verflachenden, verarmenden Demokratien unsrer
Feinde, dann dürfen wir mit Lutherscher Siegesgewißheit zuversichtlichen
Herzens weiter streiten: „Das Reich muß uns doch bleiben."

Gustav Roethe

Deutsche Freiheit von Luther her

^W^aß wir gründlich mügen erkennen, was ein Christenmensch sei, und
>-D^wie es getan sei umb die Freiheit, die ihm Christus erworben und
> geben hat, davon S. Paulus viel schreibt, will ich setzen diese zween
Beschlüß:

Ein Christenmensch ist ein freier Herr übir alle Ding und niemand
untertan.

Ein Christenmensch ist ein dienstpar Knecht aller Ding und jedermann
untertan."

Als Luther dies Zeugnis dem Papst und aller Welt ablegte, mochte
er wohl nicht ahnen, daß die Wahrheit, die ihm aus der tiefsten Gewissens-
not seines Herzens erwuchs, die Losung werden sollte, aus der die ideelle
Richtung der deutschen Freiheit hervorgehen würde. Er mochte nicht
ahnen, daß diese seine rührend deutsche Antithese die polaren Gegen-
sätze enthalten würde, die bis zur letzten Tiefe in völliger Freiheit zu
einen, das unablässige Ringen des deutschen Geistes war und ist.
Und er mochte nicht ahnen, daß vierhundert Iahre, nachdem er das
Werk der Geistesumwälzung in seinem Volke begonnen, dieses Volk
gezwungen sein würde, zu streiten und bis aufs Letzte zu kämpfen für
die Freiheit, zu der er den Grund gelegt hat.

Wichtiger als alle äußeren Feiern des Reformationsjubiläums sind
jene Geschehnisse, die, ungewollte Zeichen, selbst als Glieder die Kette
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