Deutscher Wille: des Kunstwarts — 31,1.1917

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Lehrer ist aber nicht bös. Das
merken die Iungen bald. Das To-
ben und Springen wird lebhafter!
Gehört die Melodie und dieses Sprin--
gen nicht zusammen? Ein Krach!
Liner springt mit seinen schweren,
kriegsvernagelten Holzstiefeln dazwi-
schen. Dann wirds wieder leise. Der
Polterer sitzt in einer Ecke und zieht
die Stiesel aus. Barfuß ist er wieder
dazwischen. Alle Iungen laufen jetzt
mit nackten Füßen.

Ich spiele ein einfaches Andante.
Das Spiel wird ruhig. Die Iun-
gen stehen im Bann des Rhythmus.
Sie scheinen selbst überrascht zu sein,
daß sie jetzt behutsamer gehen. Sie
horchen beim Geheir. Der Fuß zö-
gert, die Erde zu berühren. Sie
horchen mit dem ganzen Körper
auf die Melodie.

Ich bin so voll Freude über meine
Entdeckung und über das Erlebnis
der Iungen, daß ich wieder die
lustige Melodie von vorhin spiele.
Wieder das lustige Laufen. Da
kommt sogar ein gemeinsamer Ge-
danke in die wilde Bewegung. Die
Einzelnen vereinigt nun ein ein-
ziges Erlebnis, das seinen Aus-
druck in einem Kreise sucht. Nun
ist alles Rhythmus, eitel Horchen und
Hingeben an die Klänge — körper-
liches und seelisches Erleben der
Musik in den Bewegungen der
Iungen.

Was hat das nun mit der Schule
zu tun? Körperübung — ja. Mu-
sikalische Abung — ja. Ünd weit
mehr!

Willensbildung, Naturanschau-
ung (auch Tier- uird Pflanzenwelt),
Zeichnen, Religion, Geschichte, Na-
turgeschichte, Physik, Anatomie, An-
thropologie, Deutfch, Aussatz (zunächst
mündlich), Schreiben, Rechnen, Geo-
metrie, Aufsatz (schriftlich) — alles
das spielt hinein. Und Freude und
Lebenslachen gibt es.

Das rhythmische Moment muß
den gesamten Unterricht durchsetzen,
es muß seine führende und trei-
bende Kraft, sein herz und seine
Lunge sein!

Aber die körperlich Schwachen,
Berkümmerten und Krüppel?

Wer so fragt, hat mich mißver-
standen. Er denkt an den „Tanz"
als äußere Erscheinung. Der ist
Schaustellung und hat mit un»
serem Tanz nichts zu tun. Die
Iungen wähnen sich unbeobachtet;
die Bewegungen sind der Aus-
druck ihrer ursprünglichsten und ur-
eigensten Glückseligkeit; sie wollen sie
nicht zeigen, sondern sie müssen
sie ausführen, weil ,es" sie zwingt.
Eine Ruine, ein Rudiment dieser
Kunst ist der sogenannte Freuden-
sprung, den wir dann und wann
einmal verschämt ausführen.

Wir haben einige wenige Ge-
meinschaften, wo rhythmische Gym-
nastik gepflegt wird. Aber in der
Schule? Und doch: eine Erneue-
rung in der Harmonie von Seele
und Körper könnte daraus hervor-
gehen. Wer macht's nach? Wer hilft
mit? Max Tepp

Unsre Bilder und Noten

aß mit Albert Welti im Reiche der deutschen Kunst ein Großer
(^Hgestorben, das ist immer noch vielen nicht bewußt. Es wird auch
Zeit brauchen, bis sich das ändert. Als Welti, ein Fünfzigjähriger,
von uns ging, da haben sich die schweizerischen Museen von seinem an
Stückzahl nicht sehr reichen Nachlaß fast alles gerettet, was noch zu be°
kommen war, und so muß der Reichsdeutsche außer Landes gehn, wenu
er mehr als die Kunstwart-Mappen und diese und jene einzelne Ver-
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