Deutscher Wille: des Kunstwarts — 31,1.1917

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an Künstler statt an Macher wendet, es kommt so immerhin was Geschmack-
volleres wnd gelegentlich auch was Geistreicheres heraus. Ist aber noch
keinem aufgefallen, wie sehr diese Künstler-Inserate an Wert hinter
den freien Blättern zurückstehen, die von denselben Künstlern ganz nach
eigener Wahl und Stimmung gestaltet sind? stlnd dabei zeichnen, tuschen,
ätzen zahlreiche Künstler ein oder mehrere Mal im Iahr ganz allerliebste
kleine Grußkarten für ihre Freunde. Die tauschen sie aus, dann
steckt man sie beiseite, und damit sind sie erledigt. Warum verbreitet man
diese urwüchsigen Kinder der Künstlerlaune nicht? Man sehe sich unsre
von Welti oder von Kreidolf an, was für Köstlichkeiten sind das!

Viertens: wäre die Künstlerkarte da für besonders hübsche Schatten-
s ch n i t t e.

Fünftens: für besonders gelungene photographische Bildchen nach
der Natur.

Sechstens. . . Ach was! Alles ist für Bildkarten gut, das in irgend-
einer Weise künstlerisch anregt oder erfreut und sich mit Karten so wieder-
geben läßt, daß wenigstens viel von der Wirkung des Urbildchens bleibt.

Da freilich beginnen die Häkchen, Stacheln und Haken. In der Kriegs-
zeit besonders. Das Papier ist für mancherlei schon viermal teurer und
dafür doppelt schlechter geworden. Die Kriegsfarben — schweig still,
mein Auge! Die Arbeitskräfte — ja, ja, es werden mitunter auch brauch-
bare beurlaubt. „Wenn ihr selber ironisch sprecht, warum stellt ihr
dann die Sache nicht bis Kriegsende zurück?" Weil unsre Feld-
grauen nach möglichst guten Postkarten geradezu hungern.
Ietzt aber sind sie gezwungen, diese ihre höchst berechtigte Eßlust ach wie
oft mit KK-Postkarten und Kunst-Ersatz von Kriegsgewinnern zu speisen.

Wir haben's gewagt. Ungefähr das erste Hundert der Kunstwart-Bild-
karten erschien jetzt. Blickt milde auf unsern Versuch, ihr Freunde, wenn
euch dieses und jenes Einzelne technisch halb oder ganz mißlungen vorkommt!
Wir hoffen: ihr werdet auch dieses Kunstwartunternehmen nach und nach
ganz gelingen sehen, wenn ihr's nur auch durchhalten helft, so daß sich
über die teilweis Kriegsverletzten hinaus eine lange Reihe gesunder
Leute entwickeln kann. A

Vorschläge für weitere Postkarten nehmen wir mit Vergnügen an. Aber
zunächst ja nicht viele, bitte! Insbesondere prüfen wir gern echte Künstler-
Grußkarten in jeder Technik. Doch auch alles, was sonst unter eine der
eben erwähnten Abteilungen fällt — nur bitten wir, womöglich gar keine
Pakete und erst dann größere Sendungen zu schicken, wenn eine Anfrage
mit Probe oder Photographie oder Skizze zustimmend beantwortet ist.
Andernfalls können wir auch keinerlei Verantwortung übernehmen. Was
nicht in Briefe oder Geschäftspapiere geht, von dem genügt eine Photo-
graphie. Selbstverständlich wird das Äbernommene honoriert. Die Sachen
sind nicht nach München, sondern geradenwegs mit der Aufschrift: „Kunst-
Wart-Leitung (i. S. Bildkarten)" nach Dresden-Blasewitz zu senden.

Zu Winckelmanns Gedenktag

m 9. Dezember (7(7 wurde einem Flickschuster zu Stendal in der
I Altmark ein Sohn geboren, Iohann Ioachim Winckelmann. Aus deni
^^Dunkel des Kleinbürgertums, aus dem Staub und der Enge einer
kümmerlichen Schulmeister- und Hofmeisterexistenz führt ihn der sieghafte
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