Deutscher Wille: des Kunstwarts — 31,1.1917

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sich im Grunde selbst nicht vollkommen ernst. Gewiß empfinden linzählige
den Ernst der Lage und die Pflicht der Vorsicht. Sie schweigen im ganzen
und machen die Sache im stillen so gut wie sie können mit sich selber
ab. Gewiß gibt es weiterhin ernste Männer und Denker, die wie Rudolf
Eucken ihre beste Kraft an eine gehaltvolle Klärung und Festigung setzen,
und sie gewinnen auch damit großen Einfluß, weil große Massen froh
sind, solchen Geistern zu begegnen. Aber es gibt deren nicht allzu viele.
Das, was vor allem laut wird, das ist nur allzu richtig mit der obigen
Charakteristik getroffen.

Da ergeht an uns alle beim Reformationsjubiläum in schwerster und
ernstester Zeit, die ihre Folgen für das Leben der Seele nur ganz lang--
sam und in heute nicht berechenbarer Weise entfalten wird, die Mahnung
vor allem zum Ernste, zur Ehrfurcht und zum Verantwortungsgefühl in
der Behandlung des religiösen Lebens und Denkens unseres Volkes.
Die Religion der Kirchen ist nicht mehr die Religion des geistigen Deutsch-
land: diese Tatsache ist außer Zweifel. Aber ebsn diese Kirchen verlangen
Verständnis, Respekt und verständige Schätzung. Man muß in Zu--
stimmung und Ablehnung gerade ihnen gegenüber helle Richtlinien
finden, die uns ermöglichen, den Anteil und den Zusammenhang zn
bchalten mit den großen historischen Lebensschätzen unseres Volkes, und
zugleich eine aufrechte Wahrhaftigkeit zu betätigen. Und für unser
eigenes religiöses Leben und Denken, wie nahe oder ferne es den Kirchen
stehen mag, bedürfen wir vor allem der Tiefe, Gesundheit, Geradheit
und Wärme, sowie des Verantwortungsgefühls für unsere eigenen Ge°
danken und Worte, die aufbauen und nicht zerstören, Glauben erringen
und nicht mit ihm spielen sollen. Diese Vertiefung des sittlichen Ernstes
in Glaubensfragen, das ist es, was mir als die eigentlichste Forderung
des Reformationsfestes erscheint. Wir werden uns dann auch leichter
einigen und die unvermeidlichen Gegensätze leichter ertragen können.
Das, was uns dabei vorschwebt als Ziel, ist ja leicht zu sagen: eine
starke und lebendige religiöse Gottesgewißheit gerade in der Deutung
des modernen Bildes der Natur und der Geschichte und eine daraus
entspringende Sicherheit in der Verwirklichung aller edelsten Werte des
Geistes gegenüber dem bloßen Schicksal und der bloßen Natur, die beide
nur die Außenseite der Dinge sind; auch der Sünde dürfen wir dabei
nicht vergessen, die nur in ihrer Theorie, aber nicht in ihrer Praxis alt-
modisch ist. Wir werden uns dein Ziel stets auf verschiedene Weise und in
verschiedenem Sinne nähern, aber wir werden dabei die Schätze unserer
religiösen Geschichte nicht vernachlässigen dürfen und müssen der Wirkung
und Derantwortung stets gedenken. Ernst Troeltsch

Das Erbe der Neformation

s.

ist kein Zufall, daß Luthers Werk mit Sätzen über die Buße
E^begonnen hat. Die Reformation ist in der Tat im tiefsten Grunde
der großen B uß b ew eg un g en, die als die schaffenden
Lebenskräfte die Menschheit immer wieder durchziehen. Der Prophet
Amos mit seiner Totenklage über Israel um dessen „drei oder vier
Sünden willen" und zweihundert Iahre später Buddha mit seiner
Predigt von der erlösenden Erkenntnis und vom Insichgehen statt
Draußensuchen, und das sokratische „Erkenne dich selbst!" und dann der

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