Deutscher Wille: des Kunstwarts — 31,1.1917

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nicht der Beelzebub ist, den er ans ihr macht. And — auch diesmal zwingt
er den überreichen Stoff nicht zusammen, sondern läßt sich an einer bnnten
Fülle von Auftritten, Anekdoten, Betrachtungen, Predigten, Berichten und
Stimmungsbildern genügen, hat aber den leichtbeweglichen Leser doch wohl
wieder als ein wahrer, glückhaft siegreicher Mensch mit seinem Widerspruch,
als eiu lebensvolles Gottes- und Weltkind, als ein aufrichtiger und ver-
führerisch gedanken- und gestaltenreicher Rattenfänger ehestens am Kragen.

Jn hcrbere, fast bedrohliche Höhenluft treten wir ein, wenn wir Albert
von Lrentinis Roman „Anser Geist" (Schuster L Löffler, Verlin) auf-
schlagen. Seine Gestaltenwelt gehört zu den Bezirken, in denen der alternde
Ibseu heimisch war; vorzüglich der des „Baumeisters Solneß" ist sie nahe
verwandt, obzwar nicht belastend ähnlich. Aber was als Lehre, als Welt-
anschauung dahinter steht und sich, manchmal mühsam genug, durch Sym-
bole und Allegorien hindurch, zu verkünden trachtet, ist voll-echt eigenes Erlebnis,
mit starkem Denken geordnet, selbstbewußt und demütig vorgetragen. Nicht
„originell", wie das denn nicht zu erwarten und nur von allzu Reizsamen zu
wünschen ist. Wohl aber aus eigner Macht geprägt bis ins letzte. Eine Philo-
sophie dcr Tat, emporgeholt aus den tiefsten Tiefen des Zweifels und der
Berzweislung, eine Verkündigung von der Liebe, der Ehe und dem Kinde,
gewonnen in der bittersten Einsamkeit und Weltflucht, eine Lehre vom Tribut
der Schaffenden an die Welt und von der Aufgabe der Schöpferischen in dcr
Menschheit, abgerungen dem wehesten Gefühl der Nichtigkeit alles irdischen
Tuns. And alles in allem etwas, vielleicht viel mehr Philosophie, Verkündi-
gung, Lehr^ als Dichtung. Trotz einiger wuudervoller Naturstimmungen, einiger
sicherer Gestaltenumrisse, einiger gewaltig aufgebauter und erschütternder Auf-
tritte mehr ein Mischgebilde aus leidenschaftlich abgekürztestcn, symboldurch-
filzteu Zwiegesprächen, kantig gezeichneten Symbolhandlungen, allegorischen Zu-
taten und geheimnisvollen Offenbarungen. Für rein ästhetisch Urteilende ein
unmögliches, für empfänglich-gläubige, intuitiv Mitschauende ein unerschöpf-
liches Buch. Keine Möglichkeit bcsteht, hier Fabel und Gehalt des Nomans
wiederzugeben; in kürzester Fassung würde das an dreißig Kunstwart-Seiten
erfordern. Seit annähernd zwei Iahren im Buchhandel, ist das Buch bisher,
soviel ich weiß, nur zweimal öffeutlich besprochen worden. Es wird trotzdem
weiterwirken und vielleicht Frucht tragen in einigen Wenigen als eine geistige
Tat, wie diese tatenrciche und gedankenarme Zeit sie nicht jcdes Iahr sieht.*

Ezard Nidden

Arrfruf zur Grttndung einer Luthergesellschaft

Lutherfeier liegt jetzt hinter uns, sie hat uns manchen wohltuenden
>-^^Eindruck gebracht. Erfreulich war, daß kein konfessioneller Zwist die
Würde der Feier störte, daß sie weder den Protestanten noch den
Katholiken Anlaß zu bissigen Ausfällen gab; erfreulich war auch, daß das
Ausland es nicht an Teilnahme fehlen ließ: nicht nur hörten wir von
einer großartigen Feier in Schweden, nicht nur ging uns aus der Schweiz
eine geisterfüllte und tiefempfundene Adresse zu, selbst der französische
Protestantismus hat in einer ihn selbst ehrenden Weise des Erinnerungs-
tages gedacht. In Deutschland aber ist von Männern der verschiedensten
Richtung, in Versammlungen mannigfacher Art, in Blättern sonst weit

* Einige weitere Besprechungen ähnlicher Bücher findet man im „Bücher-
tisch" dieses Heftes (im Anzeigenteil).

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