Deutscher Wille: des Kunstwarts — 31,1.1917

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in facta magistri — das versteht sich von selbst. Es war aber so gewiß
kein Unglück, als das Äberschätzen des Begriffenen gerade beim subjektiv-
sten der Menschen, beim Künstler, seiner eigenen Tätigkeit erst den starken
Schwung gibt. Eine andere Frage ist, ob wir tzildebrands eigenes Schaffen
ebenso hoch wie seine unbedingten Bewunderer stellen. „Kühl^ ist es gewiß
nicht, es strahlt nur nicht überwältigend hinaus, man muß in seine Werke
eingefühlt sein, um die Wärme zu spüren, die umschlossen von seinen
Formen kreist. Es ist aber doch wohl in vielen dieser Werke nur ein ziem--
lich bescheidenes Maß von Erlebnis der seelischen Menschen--Welt, wie es
ein mächtiger Geist in aller plastischen Ruhe einfach mit seinem Selbst
hineingenommen hätte und durch Iahrtausende mit hineingenommen hat.
Das vertrüge sich nicht mit seinem plastischen Stil? Man denke an das
griechische Relief des Hermes, der Euridike von Orpheus trennt, oder an
die Metope von Selinunt, da Zeus die Hera erblickt, und man weiß so--
fort, daß die Fülle des inneren Erlebens gerade in der Zurückhaltung
dieses plastischen Ruhe-Stils nur um so inniger sprechen kann. In neuesten
Werken soll Hildebrand hier gewachsen sein, ich habe sie leider noch nicht
gesehen. Möglich, daß er an seelischem Reichtum von dem oder jenem seiner
Schüler übertroffen werden kann, vielleicht auch an Ausdrucksstärke inner-
halb des Harmonischen. Anderseits kennen wir die Weiten seiner Kunst
noch gar nicht, weil ihm, wie fast allen seinen Künstler-Zeitgenossen, ver-
sagt war, sich aus dem Vollen zu betätigen. Auch ihm, dem Bildhauer,
Maler und Architekten in Einem, ihm, dem Raumkünstler, ward
trotz allen „Glückes" seiner Laufbahn bis heute, bis zum Beginn seines
achten Lebensjahrzehntes, noch nirgendwo die Möglichkeit zu vollem Dar-
leben seiner Schaffenslust gegeben. So blieb ihm auch die Tragik nicht
fern, die durch die ganze deutsche Kunst des letzten Iahrhunderts geht.

Nobilitierungen

Zum Adelsproblem

^^ie Stellung des Adels innerhalb der Volksgemeinschaft ist zu einem
/politischen Problem geworden. Von bürgerlicher Seite wird immer
und immer wieder gegen angebliche und tatsächliche Vorrechte des Adels,
die in den Versassungsgrundlagen keine Rechtfertigung finden, Wider-
spruch erhoben. Man beklagt sich über die Abschließung des Offizierkorps
gewisser Regimenter gegen Bürgerliche, ebenso gegen die Bevorzugung
des Adels bei der Besetzung diplomatischer Stellen, bekämpft überhaupt
den Zug zu kastenartiger Abschließung, wie er im alten Feudaladel unver-
kennbar ist. Der Adel auf der andern Seite, soweit er sich noch als
geschlossener Stand fühlt, übt Kritik an den neuen Nobilitierungen und
möchte die so Ausgezeichneten als vollwertige Standesgenossen in seinem
Sinne nicht anerkennen. Es lohnt sich, die verhältnismäßige Berechtigung
beider Anschauungen an einer unvoreingenommenen Betrachtnng des Adels-
problems nachzuprüfen.

Geschichtlich bedeutet der Adel ein biologisches Problem. Er soll der
sozialen Auslese und der Höherzüchtung der Rasse dienen. In der Ge-
schichte fast aller Völker ist festzustellen, daß eine Erobererschicht sich ober-
halb der besiegten Nrbevölkerung bildete rnrd sich ziemlich scharf gegen
diese absonderte. Dieser Vorgang kann sich im Laufe der Geschichte mehr-
fach wiederholt haben. Das Bewußtsein der tatsächlichen und eben be-

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