Deutscher Wille: des Kunstwarts — 31,1.1917

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selbst Kräfte der Erlösung in sich empor. So leitet dieses Buch unmittel-
bar hinüber in das von den kommenden Dingen, von den Möglichkeiten,
daß das Sehnen der iN2er Zeit sich zu erfüllen beginne.

Nähert sich die „Kritik der Zeit" einer wissenschaftlichen Abhandlung,
so nähert sich das größere Werk „Zur Mechanik des Geistes"*
(i9s3) einem religiös-philosophischen Bekenntnis. Es enthält „die Lrleb-
nisse eines suchenden Geistes". Ganz unmöglich ist es, vom Wesen dieses
inhalt- und gehaltschweren Werkes erläuternd auf kurzem Raum zu be--
richten. Schlagworte und einige Bemerkungen über den Sinn des Bnches
müssen genügen. Wer auf Rathenaus Schauen eingestellt ist, ahnt schon,
daß es von der „Seele" handelt. Eine Deutung des Weltgeschehens aus
einer eigenartigen Theorie von der Teilbarkeit, Wechselwirksamkeit und
Kombinierbarkeit des Geistes heraus bildet den Rahmen, eine einläßliche
Schilderung des Werdens, Wesens, des Vermögens und der Bedeutung
der Seele — dieser Kraft jenseits alles Verstandes und aller Zweckhaftig--
keit — bildet den Kern. Eigentümlich ist dem Buch eine gedrungene, ge°
legentlich dunkle und doch formenreiche Sprache, die häufig von mathe-
matisch-physikalischen Formeln durchsetzt ist, und eine unausgesetzte An-
wendung der Theorie auf das Leben kennzeichnet es. Auf allen Ge-
bieten: persönlichem und staatlichem, rassischem und völkisch-geschichtlichem
Leben, Kunst, Religion, Philosophie usw. geht Rathenau einzelnen Er-
scheinungen nach, um sie im Lichte der Lehre vom Geist und von der
Seele zu prüfen. Eine gewaltige Wucht geistiger Arbeit hat die kleinen
Teile dieser Schrift geprägt, eine umfassende Welt- und Lebenskenntnis den
Stoff geliefert. Schwer übersichtlich, nicht allzu nahbar, ein Werk der
Stille und der stärksten Anspannung, führt es ein in die Lebens- und
Weltanschauung, die aus dem Buch von den „kommenden Dingen" zu
den Suchenden und Sehnenden so laut und doch nur zwischen den Zeilen
hervor gesprochen hat. Wolfgang Schumann

ArbeitskulLur

ans dem Zeitalter vor dem s. August (9hl! werden wir in
I F die kommende Zeit mit hinüber nehmen können und müssen, ob-
^"^^wohl ihr als Ganzem der Krieg weit über seine eigene Dauer hin-
aus einen neuen Inhalt aufzwingt. Vor allem werden wir behalten
müssen die Grundlagen unserer sozialen Organisation und damit die Grund-
lagen unserer Kultur, die einander gegenseitig bedingen und in ihrem
Bestande unterstützen, nämlich unsere Produktionstechnik, unsere Arbeits-
teilung und die Millionenmassen unserer Bevölkerung. In jeder tzinsicht
richten wir uns ja — und nicht nur wir, sondern die großen Nationen
allesamt — auf Aufgaben und Nnternehmungen ein, die ohne große
Bevölkerungsmassen kaum in Angriff genommen, geschweige denn gelöst
werden können. And daraus, daß die Nationen es allesamt tun, geht
zugleich auch hervor, daß h°ier nicht Willkür das Wort hat, die so, aber auch
anders handeln könnte, sondern die über alle Willkür erhabene Notwen-
digkeit, die aus den Ergebnissen vorgestern und gestern vergangener Ge°
schichte das Gesetz der Entwicklung für morgen und weiter hinaus selbst-
herrlich gestaltet. Die großen Bevölkerungsmassen aber können auch in

* Erschienen bei S. Fischer, Berlin, ebenso wie „Kritik des Geistes" und
„Kommende Dinge".

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