Deutscher Wille: des Kunstwarts — 31,1.1917

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erklimmen können, ganz und gar nicht etwa alle, die irgendeine Mademie
oder Fachschule besucht haben. Für die große Menge der Mittelbegabten
soll man zufrieden sein, wenn man dazu beitragen kann, einen gesunden,
natürlichen Sinn für die einfachen Dinge zu erziehen. Dann werden
wir weniger von Kunst reden, aber mehr Kunst in unserem Volke
haben. Karl Schmidt-Hellerau

Neligiös-philosophische Prosadichtung

er Hauptstamm vom Baume des deutschen Schrifttums hat deu Sturm von
und l9lö ungebrochen, fast unverändert überstanden. In den Ästen

aber regte es sich rasch. Aber Nacht gab es den millionenfachen Blüten-
segen der Kriegsgedichte, in wenigen Wochen schossen die tausend Zweige der
Kriegsnovellen und -romane hervor; und rasch fielen sie beide, Blüten und
Zweiglein, wieder zu allermeist herab. Mehr Zeit brauchte der Ast, der letzten
Endes einer Flucht aus dem Grauen der Zeit sein unheimliches Wachsen vcr-
dankt, der „expressionistische". Und drei Kriegsjahre mußten vergehen, ehe der
andre sichtbar ward, von dem diesmal die Rede sein soll. Ieden zweiten oder
dritten Monat legen wir ein neues Buch auf den besonderen Platz, der für die
Sucher des Sinns, die Enträtseler der schweren Geheimnisse unsrer Bestim-
mung, die Verkünder gläubig gefundner Weisheit vorbehalten ist.

Scheinbar leicht und doch wohl mit am schwersten ist der Weg, den Karl
Röttger mit dem Legendenbuch „Der Eine und die Welt" (München, Georg
Müller) beschreitet. Leicht, da Röttger nicht allein aus Eigenem verkündet, sondern
überlieferte Weisheit deutet und nacherlcbt. Schwer, weil er die abgründigste und
formclärmste Weisheit, die Iesu, ergriffen hat. Manche dieser Iesuslegenden
gehören zu den lebendigsten und tiessten Trostbringern der Gegenwart; wenn
Worte, anschaulich gegebene Gebärden, die reine, milde Stimme eines Leiden-
deu und sehnend Schauenden Trost bringen können. And das ist gewiß nichts
Geringes; aber vielleicht ist damit ihre Bestimmung auch schon crschöpfend
bezeichnet. An anderen Matzstäben gemessen, haben sie seltsame, zuweilen un°
begrcisliche Mängel, die auffällig, schmerzend, neben höchst ungewöhnlichen
Vorzügen stehen. Ein Wort zum Dichterischen dieser Erzählungen: Röttger
erfindet, alte Aberliefcrungen verwertend oder aus eigner Kraft, Auftritte, wie
noch kcin Iesusdichter vor ihm, anschaulich, einfach, lebendig, geeignet, einen
Gedankengehalt ganz ins unmittelbar Fühlbare, Schaubare zu erheben; er
spricht als Erzähler eine Sprache, die an der Redeweise engelreiner und tief-
sinniger Kinder gebildet scheint, ohne jede „literarische" Beimengung, ohne
Pathos. ohne prunkende, ja ohne zierende Bilder, ohne rhythmische Geheim-
künstelei. And plötzlich gerät er dann, sei es auch an wenigen Stellen, ins
beinahe Zcitungmäßige, läßt er Maria modcrne Fremdwörter gebrauchen, er-
läutert er in eingeklammerten Sätzen und Worten seine eigne Darstellung,
bringt er Banalitätcn, die völlig leer und ebenso überflüssig sind. Unauflöslich
aber ist eine große Anzahl dieser Dichtungen verwoben mit cinem ganz an-
deren, schlechthin nicht ins Dichterische gehobenen Llement, dem Dialektisch-Lehr-
haften. Solange dies noch im Zwiegespräch, in der Ncde und Predigt Iesu
eingekapselt steckt, blcibt es künstlerisch möglich. Was das ganze Buch aber
letzten Endes zum stilistischen Gemisch macht, ist, daß der Vcrfasser selbst
ständig ins Lehren und Predigen gerät. Daß er etwa anmerkt, einige hättcn heute
Iesu Wort für ein bloßes „Phantom" gehalten, andere hätten ein Gefühl, er
könne nicht durch Schlachten und Minen gehen, und dann fortfährt: „Wenn
dies gedacht werden konnte, so war anderes wohl nicht minder lächerlich . . ."
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