Deutscher Wille: des Kunstwarts — 31,1.1917

Page: 18
DOI issue: DOI article: DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/deutscherwille31_1/0036
License: Free access  - all rights reserved Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
Welche Ansicht auf der heut wieder beigefügten Beilage zeigt uns das
Denkmal würdiger, ernster, eindruckvoller, rnonumentaler, die „mil" oder
„ohne" ? Und nun bitte ich Leser und Leserinnen: geht auf die

Straßen und Plätze eurer Wohnorte zu den Bronzemännern hinaus,

seht sie euch erst so an, wie sie dastehn, haltet euch dann die Hand vor
ihre Gestalt und laßt den Sockel allein auf euch wirkenl Es gibt Aus-

nahmen, wo's anders steht — aus die komme ich zurück —, man wird

aber erstaunen darüber, wie wenige. Ganz sicher bei mindestens neun--
zehn Bildnisbronzen in voller Gestalt, die unter zwanzigen im Freien
stehn, und auch bei an sich guten, die bedeutende Künstler geschaffen
haben, wird sich ergeben, was zunächst geradezu verblüfft: das Denkmal
ohne die Gestalt steht nicht nur unvergleichlich besser im Straßenbild,
überhaupt im Raume, nein: es wirkt auch beim Gedanken an den Ge-
ehrten, es wirkt auch „rein seelisch" weitaus künstlerischer, geistiger, edler.
Das, was die Bronzegestalt erreichen will, ist oft mit einem Schlage da —
wenn man sie wegnimmt.

Seht doch unsre Denkmäler endlich einmal nicht mit der angelesenen
und aufgeredeten Meinung, seht sie mit den Augen anl Was sind
denn da diese erzenen Offiziere und Zivilisten zu Fuß und zu Pferd?
Starre Säulenheiligen-Mumien von Aberlebensgröße sind sie, bestenfalls
riesige Schablonen, die da stehn, wo sie nicht hingehören. Im bedeckten
Raum, wo man den rechten Standpunkt wählen, wo man das Licht leiten
kann, wo sie vor Anbilden geschützt sind, wo ihr Gesichtsausdruck hervor-
tritt, vielleicht da würden sie wirken. Nicht hier, wo die Sonne sie mit
Glanzflecken betupft, der Regen ihnen die Backen klatscht, der Schnee
ihnen Narrenmützen aufsetzt, der Ruß aus ihnen herummalt wie ein
ungezogener Bub, und die niedrige weiße Taube sie prangender dekorieren
kann, als der allerhöchste Schwarze Adler. Was soll denn bei ihnen in
die Ferne wirken? Der Ausdruck des Gesichts? Den erkennt man kaum.
Der Nmriß? Der Geist ist kein Turner, bei dem's auf Stellungen an-
kommt. Die Größe? Dann ist dem Reiter das Pferd überlegen, das
man bäuchlings sieht. Steinerne Gestalten, wie der Hamburger Bismarck-
Roland, können auch in die Weite sprechen, oder einfachste Symbole,
wie die Münchener Bavaria, oder bronzene Leiber, die Menschen- oder
Tierschönheit an solchen Stellen genießen lassen, wo sie losgelöst vom
Straßengewirr zu betrachten sind, aber Bildnisgestalten moderner Men-
schen, die vor allem mit dem Kopfe und im Kopfe mit den Augen leben?

Ich habe auf unsre Fragen hin neulich die sämtlichen Denkmals-Bronze-
standbilder einer unsrer ersten deutschen Kunststädte durchgesehn. Nicht
ein einziges unter ihnen, das nicht durch Wegnehmen der Figur an
Schönheit und Ausdruck gewänne! Alle diese Postamente wirken monu-
mentaler, wirken im Goethischen Sinne bedeutender, wenn sie nichts
tragen. Nnd noch eine besondere Aberraschung gab es: eine Fülle von
Schönheit stand plötzlich vor mir, die ich bisher gar nicht beachtet hatte.
Bom Liebenswürdigen und Anmutigen bis zum Wuchtigen großer Monu-
mentalität haben die Sockel unsrer Denkmäler Werte, die wir so gut
wie gar nicht kennen, weil wir immer auf den Bronzemann blicken, den
wir doch auch wieder nicht recht sehn. Oft fand ich so viel Fleiß, so viel
Geschmack, so viel Liebe auf diese Sockel verwendet, daß mir schien, dem
Künstler müsse weh geworden sein, als er sie durch seine eigenen Parade-
reiter, Postensteher und Spaziersitzer verdorben sah. Wie viel Schöneres
loading ...