Deutscher Wille: des Kunstwarts — 31,1.1917

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betreffenden Ressortlieferanten das heilige Feuer aufgeflammt i s t. Und
gibt es für Notfälle nicht Pathos-Ersatz, Entrüstungs-Bebe-Tremolo
und Laterna magica-Vision? Für die Gründlinge im Theater sieht der
Kolophoniumblitz wie ein himmlischer aus und klingt das Donnerblech
wie Zeus. Komm nur in Schwung, dann johlt die Galerie mit, und
wenn sie schließlich saule Eier auf deine Bösewicht-Puppen wirft, so meint
sie, das träfe die Modelle da draußen, welche sie haßt.

Aber wie reden wir dal Freuen wir uns der Karikatur nicht auch?
Sogar der alternde Goethe gestand, daß ihn „das häßliche Zeug manch-
mal unterhält", dieweil es „der Schadenfreude, dieser Erb- und Schoß-
sünde aller Adamskinder als eine pikante Speise nicht ganz übel
schmeckt". And doch war damals ein Tiefstand im Zerrbildwesen; es über-
läuft heutzutage den Menschen von Geschmack wie von Ungeziefern,
wenn er die politischen Karikaturen aus der Napoleonzeit, seien sie von
hüben oder von drüben, besieht. Iener „Erb- und Schoßsünde" scheinen
sie vollumfänglich zu genügen, meistens aber auch ununtertrefflich pöbel-
haft. Ganz allmählich erst nähert sich in den verschiedenen Ländern die
Karikatur der Kunst. Wie sehn wir sie heute ungesähr?

Früher warf man die Begriffe „Karikatur" und Scherzbild znsammen.
Eine Karikatur sollte, meinte man, „humoristisch", sie sollte mindestens
„spaßig" sein — man fand sie ja auch fast ausschließlich in den Witz-
blättern. Die Schmerz- und Haßbilder des Weltkriegs haben diese Aus-
fassung beseitigt. Karikaturen teilen nicht wirkliche oder angebliche Tat-
sachen mit, sondern Stimmungen, diese aber in jeder Farbe vom
Nachtschwarz bis zum Iubellicht. Auch gibt es zwischen dem heitern oder
ernsten Bilde, das Seelisches ausdrücken will, und der typischen Kari-
katur keine Sperrgrenze. Eine Schilderung von Menzel kann sehr
satirischen Einschlag haben und wirkt dennoch auf uns noch nicht als
Karikatur, und das hochpathetisch gemeinte Bild eines Chauvinisten
wirkt vielleicht auf mich oder auf uns als Karikatur, auf andre aber als
vaterländische Prophetie. Kurz: dort beginnt für den Einzelnen der
Eindruck „Karikatur", wo er sich der Äbertreibungen unter einer be-
stimmten Tendenz bewußt wird.

Mit diesem Bewußtwerden nun setzt bei normalen Verhältnissen zu-
gleich die Selbstkorrektur des Zerrbildes ein. Ie leidenschaftlicher
etwas gefühlt wird, desto mehr wird es herausgearbeitet, je mehr es heraus-
gearbeitet wird, desto mehr tritt es in ein Mißverhältnis zur kontrollier-
baren Wirklichkeit, und je mehr dieses auffällt, um so weniger wirkt die
Karikatur als Ausdruck der sachlichen Wahrheit. Ie offensichtlicher die
Äbertreibung, desto ungefährlicher also unter normalen Verhältnissen die
Karikatur. Das breite Volk, die „Masse" freut sich, wenn Michel-
Kaspar den Höllteufel Iohn Bull oder Iohn Bull der Edle den Höll-
teufel German auf dem Puppentheater verprügelt. Auch die gewöhn-
lichen Witzblatt-Großmaulereien, die den wählerischen Kopf langweilen,
verhetzen zu Friedenszeiten schwerlich irgendwen ernsthaft, sie schaden
dann nur insofern, als sie den Boden für die Haßsaat späterer auf-
geregter Zeiten lockern. Denken wir Deutschen daran, was wir an Selbst-
bespaßung und Selbstverspottung geleistet haben, so dürfen wir uns auch
nicht über Typen, wie die jetzt drüben aufgekommene fette Germania
mit der Brille empören, die zudem aus unserm eigenen Simplizissimus
stammt — unsre dürren Britannien und ihre Tischgenossen sind auch
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