Deutscher Wille: des Kunstwarts — 31,1.1917

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Lieferant, Vereinsmitglied, Gläubiger, Schuldner, Aktionär, Konkurrent,
Zeuge, Schösfe usw. Aber auch Berufsmensch. Aus Bindung und Beruf
entwickelt sich die entscheidende Eigenschaft der mechanisierten Gesellschaft,
ihre Einartigkeit. Gleichartige Denk- und Arbeitformen, gleichförmige
Arbeitzeit und Erholungdauer, gleichwertige Linkommen, sich gleichblei-
bende Intellektualisierung und Verbürgerlichung sind die Kennzeichen,
denen außer der wirtschaftlichen Schichtung nur eine ungleiche politische
Verantwortung- und Machtverteilung uoch differenzierend gegenübersteht.
Am tiefsten in das Einzelmenschliche greift ein die Mechanisierung des
Lebens; das individuelle Leben erscheint aufgezehrt durch die Berührung
mit Millionen von Tatsachen und Vorgängen der Vergangenheit und
Gegenwart, deren der Geist sich durch etikettierendes und einreihendes
Urteil „entledigen" muß, alle Beziehungen zum Leben ordnen sich zweck-
haftem Denken und Tun ein. Arbeit ist Anpassung, ist Teilwerk, ist Kon-
kurrenz, ist Ringeu um Erfolg, ist Kampf, nicht mehr ist sie Betätigung
der Persönlichkeit, nicht mehr vergeistigtes Bezogensein auf Werte. Und
ihrem Charakter entspricht die Erschöpftheit des Arbeitenden und sein selt-
sames Bedürfnis nach Lrholungen, die keine Erholungen sind. Dieses
gewaltige System von Zwecken und Zweckmenschen habeu nicht die „ger-
manischen Herren des Abendlandes", sondern „Menschen geringeren Schla-
ges" geschaffen, die Fleiß, Geduld, Handfertigkeit, Erfinderbegabung, Neu-
gierde, Wissensdurst, Beweglichkeit, mäßige Lebensansprüche, heijze Leiden-
schaft ohne Transzendenz und Tiefe mitbrachten, Rachedurst und Haß-
fähigkeit. Zu einer gewaltigen Triebkraft, dem Ehrgeiz und der Besitz-
gier, ist dies alles zusammengeschmolzen. Seltsam verwandelt und haltlos
treiben sich in dem Meer der Mechanisiertheit die „Ideale" herum. Im
Leiblichen und Menschlich-Ethischen herrscht das alte germanische Ideal,
im Religiösen ringt Nationalismus und Materialismus mit dem Sehnen
einer unentschlossenen Menge, in der Kunst herrscht eine von allen Fesseln
befreite Sinnlichkeit (das Wort im weitesten Sinne genommen) und ein
überhetzter Betrieb, in der Wissenschaft zweckhafte Stoffhäufung, im Po-
litischen ein Nationalismus, dessen tiefste Quelle das Emporkommen neuer
Wirtschaftmächte in der Welt ist, im Staatlichen der systematische Ausbau
der Verwaltung, die sich freilich infolge gewisser Anfähigkeiten der Ober-
schicht langsam anpaßt. In den Träumen der Mechanisierten, schließt
Rathenau, erblickt man „eine gemeinsame Tendenz, die der philosophische
Geist überwunden wähnt: das Streben nach dem ausschließlich Vernünfti-
gen. Noch immer gehört unser waches Leben der Aufklärung, dem Ratio-
nalismus: wie könute es anders sein in einer Zeit, die uns beweist, daß
Furcht stärker ist als Mut, Fleiß stärker als Kraft, Klugheit stärker als
Träume? Einer Zeit, die beständig das Wort im Munde führt: daß sie
weiß, was sie will, und den Erfolg als Gesetz betrachtet?

Wir müssen anerkennen, daß niemals, solange die irdische Menschheit
besteht, eine Weltstimmung so einheitlich einen so ungeheuren Kreis von
Wesen beherrscht hat, wie die mechanistische. Ihre Macht scheint unent-
rinnbar, denn sie beherrscht die Produktionsquellen, die Produktions-
methoden, die Lebensmächte und die Lebensziele: und diese Macht be°
ruht auf Vernunft?

Wir haben in der „Kritik der Zeit" eine trotz ihrer Kürze vollständige
Theorie der Gesellschaftentwicklung vor uns, eine konkrete Soziologie, eine
Lehre vom Entstehen und Wesen der heutigen Menschenwelt. Der Teil
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