Deutscher Wille: des Kunstwarts — 31,1.1917

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von einst. Trotzdem: wenn tzindenburg wieder ein Mahnwort zum Durch-
halten und zur Einigkeit spricht, so wird es sicherlich wieder mit Aber--
zeugung zustimmend kommentiert. Aber auch in diesem Ton.

Glaubt man, daß das die „innere Front" befestigt? Da dgs keiner
glauben kann: wie kommt es, daß man es trotzdem immer weiter so
treibt? Weiß man nicht mehr, was man tut?

«^V ber diese Dinge haben schon viele viel gescholten, und ich mit. Es ist
^doch wohl klüger, wir suchen sie zu begreifen. Wie kommt es, daß auch
Menschen so unvernünftig handeln, die wir aus ihrem Privatleben als
gescheit und gerecht und vaterländisch im Fühlen und Denken kennen?
Wie wir überlegen, blicken wir auf eine lange Tradition. Eben auf die
„Wahlkampf-Asthetik", über die wir an dieser Stelle auch schon gesprochen
haben (Kw. XX, (0) und in der sich doch nur plakatmäßig aufdringlich
zeigte, was man zu „wahlfreien" Zeiten überall auch sah. Es würde sich
für einen Historiker lohnen, der Kultur der politischen Erörterung nachzu-
gehen, wo wir da im Nieder- und wo im Aufgange sein mögen. Uns
Deutschen, bei denen das Wählen ins Parlament überhaupt noch eine
junge Sache ist, bliebe die Hoffnung, daß es sich hier um Kinderkrankheiten
handle, wenn uicht eine analoge Erscheinung alt und allgemein wäre:
das tzerabsetzen der Anstandsansprüche beim Rechtsstreit, bei der Wah-
rung „berechtigter Interessen" vor Gericht. tzöher berechtigte Interessen
als die der Allgemeinheit gibt es ja nicht. And die gebieten Bünduis-
fähigkeit, also das Ausschalten jeder moralischen Entwertung aus der
Verschiedenheit politischer Aberzeugungen. Ist einem bewußt: er gilt den
andern als minderwert, einfach, weil er anders denkt — wie sollte er dann
zu gemeinsamer Arbeit mit jenen freudig sein?

Soll sich das jetzt bessern, so hat der „neue Geist" eine lange schlimme
Gewohnheit zu überwinden, und eine, die mau in deu breiten Massen
noch g ir nicht als die üble Gewohnheit erkannt hat, die sie ist.

/Aie erklärt sich aber auch daraus mit, daß den meisten die Meinung
^ihrer Partei ganz aufrichtig für die politische Wahrheit schlechthin gilt.
Sie haben politisch immer nur innerhalb ihrer Partei gelebt, sie hörten
nur ihre Vertreter an und lasen nur ihre Blätter, uud so ward ihnen auch
das nicht bewußt: daß die Meinung einer Partei zwar sehr berechtigt und
erforderlich als der Ausdruck der Interessen oder des Denkens und Fühlens
eines Teils der Volksangehörigen ist, daß sich aber das Ganze eines
Volkes aus vielerlei Interessen und vielerlei Denken und Fühlen zusammen-
setzt. Alle Parteien sind Organe im Volksorganismus; sie können irgend-
welche besondere Arbeit dem Ganzen sehr wohl auch dann leisten, wenn
das andere Organ gar nichts davon bemerkt. Sie können nützen auch
dann, wenil „wir vom andern Organ" nur die Kräfte bemerken, die sie
im Ganzen unsrer Meinung nach hemmen, überreizen oder wegnehmen.
Ist doch nichts Gift schlechterdings und nichts an jedem Orte Segen. Das
Ideal der Zusammenarbeit aller Organe wäre: sich ohne Verlust an den
eignen besondern Leistungen der Organe in der Verbündung fürs Ganze nach
aller Möglichkeit zu üben und das Verbrauchte ohne Arbeitsverlust des
Ganzen sagen wir: hinauszuentwickeln. Strebt man dem nach? Bis zum
Krieg war die Arbeit der Massen-Parteiblätter überall demagogisch, werbend
für die eigene und entwertend für die fremde Partei — wer erinnert
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