Deutscher Wille: des Kunstwarts — 31,3.1918

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will. Dieses Neue wird mit denjerngen Krästen znsammenhängen, dre uns
im christlichcn Osterfest shmbolisiert sind. Feiern wir das Osterfest ein jeder
auf seine Weise, aber auch ein jeder in diesem Sinne und überlassen insbe--
sondere wir Deutschen es nicht allein den Fremden, es in diesem Sinne zu
verstehen. Wir wollen uns nicht darüber täuschen lassen, daß es cin Daseins»
kampf war und ist, und daß er nicht aufhören kann, ehe das Dasein gesichert ist.
Wir wollen uns aber von diesem heiligen Eiser auch nicht übertäuben lassen
gegen die Stimmen, die drinnen und draußen von der Notwendigkeit des
„neuen Geistes" reden. Er tut allen not, er tut auch uns not. E. Troeltsch

Nach Frank Wedekinds Tode

man rn den Aufsätzen, welche seit Wedekinds Tode die Zei--
Il^tungen brachten, so durfte man billig erstaunen: mit viel Ehren und
Feierlichkeit hat die Schriststellerwelt den bedacht, der vor nicht gar viel
Fahren noch sehr mühsam um ihre Anerkennung warb und dann nach kurzer
Zeit des äußerlichen Hocherfolges noch mühsamer den Weg zu den anerkann-
ten Propheten suchte! Letzten Endes haben, so scheint mir, diese Ehren auch
jetzt nicht dem Dichter nnd Seher gegolten, sondern dem „Revolutionär". Es
lebt noch ein Rest von „Freiheitdurst" in unsern Schriftstellerkreisen, ein
Drang zur Opposition schlechthin; es geht da zwar nicht eben um heiligste
Güter, nicht um wichtigste Volksrechte, der ständige „Kampf" der Schrift-
steller sieht vielmehr nicht eben selten einem unsicheren Berufsinteressen--
kampf ähnlich, aber gerade deshalb erhält er sich durch den Wechsel
der Zeiten, weil hier vielleicht überschätzte, aber sehr ehrliche Konflikte
und Nöte gerade vom Schriftsteller immer wieder erlebt werden. In
diesem Kampf stand Wedekind mehr als einen Mann. Kein Aufruf wider
die Zensur, kein Manifest wider die Philister, keine Sympathieerklärung
für einen von der bürgerlichen Sittlichkeit Verworfenen, unter der sein Name
gefehlt hätte! Und jedes einzelne seiner Werke war ein Fehdehandschuh,
hingeworfen einem „Vorurteil" der Gesellschaft, oder ein Faustschlag wider
überlieserte Sitte, oder ein Protest wider allgemein geduldete und gebilligte
Zustände. Einer der ziemlich seltenen „Bolschewisten der sittlichen Lebens--
ordnung" ist mit ihm dahingegangen, und die Parteigenossen bis zur äußersten
Nechten, wo wir etwa Thomas Mann suchen dürfen, haben ihm die letzten
Ehren erwiesen. Sie haben bei seinem Tode für ihre Partei, oder ohne Bild:
für ihren Stand und Beruf gesprochen und geschrieben. Möglich, daß dieser
an Wedekind viel verlor. Auch das deutsche Volk? die deutschen Ge-
bildeten? Ich für mein Teil glaube das nicht. Nicht ohne einige Mühe
rechne ich gleichsam zusammen, was etwa im Namen des deutschen Volkes
und seiner Gebildeten Frank Wedekind nachzurühmen wäre. Unvergessen
bleiben wird ihm, daß er die Not, die wahrhaftige und schwere Not der
geschlechtlich reifenden Iugend öffentlich zur Erörterung stellte, daß er im
tierischen Unterwesen des Menschlichen kreißende Kräfte und Lriebe einer
oberflächlichen und scheingeistigen, unehrlichen und in „Formen" etwas er-
starrten Gesellschaft kraß und rücksichtlos vorführte, unvergessen, daß er
in „Frühlings Erwachen" und im „Erdgeist", aber auch in einigen andern
Szenen und Werkteilen für seine protestlerische Gesinnung nicht nur Worte,
sondern auch eine Gestaltung von klarem Amriß und erschütterndem Ge-
halt fand, unvergessen auf einige Zeit bleibt die Frische und Kraft einiger
seiner Gedichte. Kurz, er war Dichter und war auch Ethiker. Oder lagen
zu beidem nur Keime in ihm? Wirklich kritisch Denkende werden das
sehr ernsthaft fragen. Mit wieviel Gestaltlos-Zerrbildhaftem, Schnörkelmäßigem
und Unorganischem, mit wieviel bloß Gewolltem und nicht Gekonntem war
schließlich doch jedes seiner Werke durchseht! Ilnd seine unter Peitschenhieben
und Orchestrionklang verabreichte „Moral" — ein einziger Strahl von echtem
Sonnenlichte fiel aus ihr: die manchmal kindlich reine Freude am Schönen,

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