Deutscher Wille: des Kunstwarts — 31,3.1918

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Es ist merkwürdig: wenn man die Vorlesnngsverzeichnisse unserer dentschen
Universitäten mnstert, so stößt man auf eine große Einseitigkeit. An vielen
Aniversitäten werden Abungen gehalten über Stimmbildung und Sprachtechnik,
über den künstlerischen Vortrag von deutschen Gedichten, von deutscher Prosa;
Vortragsmeister wie der vor kurzem verstorbene Milan oder Schauspieler werden
dabei als Lehrer mit herangezogen; in Heidelberg ist eine hochgebildete und
künstlerisch geschulte Dame an diesem Anterricht beteiligt. Aber wer wissen
will, nicht wie er zu sprechen hat, sondern was er sprechen oder schreibsn soll,
der sieht sich fast überall vergebens nach Hilfe um. Fast mirgends haben unsere
Aniversitäten Vorsorge getroffen für regelmäßige Unterweisung der deutschen
Studenten im Gebrauch der deutschen Sprache; sie sind offenbar durchdrungen von
der Wahrheit des Goetheschen Sprnchs: „Es trägt Verstand und rechter Sinn
mit wenig Kunst sich selber vor." Wenn an einer unserer größten Aniversitäten
deutsche Stilübungen für Ausländer gehalten werden, wenn es an einer andern
heißt: Abungen im deutschen Stil für Fortgeschrittenere, besonders für Aus--
länder, so kann 'damit der deutsche Studierende nichts anfangen. Ganz neuer--
dings hat Erlangen eine Lektorstelle gegründet, in vorbildlicher Weise, deren
Vertreter Stimmbildung und Vortrag lehren, aber auch Stilübungen ab-
halten soll. t '

Wir müssen fordern, daß an allen deutschen Aniversitäten, sagen wir lieber
an allen deutschen Hochschulen — denn weshalb sollten die technischen Hoch-
schulen zurückstehn? — regelmäßige Lehrgänge für deutsche Sprache eingerichtet
wcrden, regelmäßige, nicht bloß alle paar Semester wiederkehrende, wie sie
etwa in Bonn, Breslau, Gießen, München schon jetzt bestehen.

Vor kurzem hat jemand den seltsamen Vorschlag gemacht, es sollten für den
Schulunterricht in der deutschen Sprache die deutschen Schriftsteller heran-
gezogen werden. Auch für die tzochschulen möchte ich die Heranziehung von
Karl Hauptmann oder Walther Bloem, Gustav Mehrinck oder Kasimir Ed-
schmidt entschieden ablehnen, selbst wenn diese Herrn geneigt sein sollten, uns
zu helfen. Das bloße meisterliche Können genügt nicht für unsere Zwecke.
Es muß das Wissen, die Wissenschaft hinzukommen; es muß der Lernende
aufgeklärt werden über die Gösetze des Sprachlebens, über die Gesichtspunkte,
nach denen FragSn des Sprachgebrauchs zu entscheiden sind. Es genügt nicht,
im einzelnen Fall zu sagen: so ist's recht, so ist's falsch. Es handelt sich
darum, über den einzelnen Fall zur Regel fortzuschreiten, sie den 'Hörer finden
zu lassen, unter Umständen sie selber erst zu finden. Denn in gar vielen
Dingen hat die Wissenschaft den Sprachgebrauch der Gegenwart noch nicht ge-
nügend erforscht, geschweige denn, daß ihre Erkenntnisse Gemeingut weiterer
Kreise geworden wären. Nicht alle Leser dieser Zeilen werden ohne weiteres im°
stande sein zu sagen, wann z. B. man „beide", wann „die beiden" gebraucht,
wie sich „infolgedessen", „daher", „demnach", „deshalb", „deswegen" voneinander
unterscheiden. Es werden also nnr geschulte Germanisten in der Lage sein,
diesen Unterricht in vollwertiger Weise zu erteilen. Otto Vehaghel

Karl Marx

Zu seinem 100. Geburtstage*

^H^^arx hat auf die Geschicke des deutschen Volkes in doppelter Richtung
/ » eingewirkt: er hat die Grundlagen der wissenschaftlichen Soziologie
^ ^ ^mächtig erweitert und hat Wissenschaft zur Herzenssache von Volks-
massen erhoben.

* Aber Marx gibt es bisher kein gutes zusammenfassendes Vuch. Das leben-
digste Bild gibt noch Max Adlers Broschüre „Karl Marx als Denker". Am

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