Deutscher Wille: des Kunstwarts — 31,3.1918

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dieses Schauen, und immer wieder saugt er Kraft aus lebeirdigen Kräften.
Er kann seine geistige und irdische Herkunft, seinen Wurzelboden nicht ver»
leugnen. Der Dichter von „Ephraims Breite", der „Bergschmiede", der „Hüt-
ten", der „Besenbinder", des „Einhart" wird früher oder später siegen über
den, den man nur lieben kann, weil er Unmögliches begehrt.

Wolfgang Schumann

Orient und Skzident. 1

^W^er 'Ausgang des Weltkrieges wird auch für das künftige Verhältnis
vH^von Orient und Okzident und damit über das der zwei großen Kultur»
^^^kreise der Menschheit entscheiden, die in ihrer geistigen und seelischen
Struktur so grundverschieden sind. Zwar hat Goethe einst gesagt: „Orient
und Okzident sind nicht mehr zu trennen", aber im Grunde ist der Austausch
doch bisher ziemlich einseitig gewesen. Innerlich empfangen hat im wesent-
lichen nur das Abendland; was der Orient von uns übernahm, war europäische
Außen-Zivilisation von den Eisenbahnen bis zum Liftboh. Könnte irgendwo
der Orient das alte Wort so abwandeln: „Oux ksrtur ax Oeoläönts"? Und
doch: wie es nichts rein Außerliches, Seelenloses gibt, was als lebendiges
Gut übernoinmen wird, wie auch das Außerliche als Ausdruck der Seele

Spuren des Innerlichen aufweist, so haben auch die Völker des Ostens längst
europäischen Geistes einen Hauch verspürt. Die Militarisierung Iapans, die
chincsischen Revolutionen deuten genug darauf hin, daß es dem Europäer nur
zu sehr gelungen ist, den Riesen Orient „aus seinem Schlafe zu wecken".

Wenn einmal der Orient sich ebenso militarisiert wie Europa, wenn der
ungeschichtliche Inder auf den Gedanken kommt, Weltgeschichte machen zu
wollen, wenn die kriegerisch gestimmte rote Sonne Iapans die trägen Massen
der Nachbarvölker in Bewegung setzt, was wird sich dann als das Innen»
leben des Orientalen offenbaren? Es würde eine unsühnbare Schuld für
das Abcndland sein, wenn es sich nicht auch diese Frage rechtzeitig stellte.
Wenn wir in satter Selbstgerechtigkeit uns ohne weiteres „besser" dünken
wollten, als der Orient, wenn wir es nicht einmal der Mühe wert fänden,
diese uns so entgegengesetzte Kultur, soweit uns das möglich ist, zu er°
kennen, so würde schon an dieser unserer Einseitigkeit sowohl das richtige

Einschätzen der kommenden „gelben Gefahr", als auch eine etwaige Verständi-
gung mit ihrer Wclt unmöglich werden.

Wenn ich im folgenden einige der grundlegenden Unterschiede zwischen

Morgen- und Abendland darlegen will, so kann ich bei einer Darstellung in
so großcn Zügen freilich immer nur von Thpischem sprechen. Abschattungen,
Ausnahmen findcn sich bei diesen gewaltigen Völkermassen natürlich überall.

M

Der europäischc Mensch hat zumeist „keine Zeit", der Morgenländer hat
„Zeit" und genießt alle ihre guten Gaben. Uns treibt die Hetze des All-
tags von morgens bis abends, von dieser Arbeit zu jener, von einem Ver°
gnügen zum andern. Inmitten des Lärmens der ÄNaschinen, beim Iagen
ums Geldverdienen, in dcr mechanisierenden, zwar zeitsparenden, aber zeit°
zerfressenden Arbeitsteilung, betäubt von emsiger Geschäftigkeit, wie wenig
kommen wir zum Ausruhen, zum innerlichen Besinnen auf uns selbst! Und
sehr viel Menschen in Europa wollen das im Grunde auch gar nicht. Die
Seele, die zu fördern sie vor lauter Betriebsamkeit keine Zeit fanden, blieb
ihnen unbebaut und öde. Finden sie dann wirklich einmal Zeit, die Möglich-
keit einer stillen, vollbringenden Stunde — so blüht nichts weiter in ihnen.
Wenn sie nur mit sich selber zusammen sind, so langweilen sie sich, zum Unter-
halten brauchcn sie die andern. Sie brauchen das Bier-- und das Kafseehaus,
das Theater, das Kino, das Buch, und all das nicht als Beruhigung, sondern
als Erregung. Der Europäer hat weniger den Träumerblick in die Enge so-
wohl wie in die Weitc, in die Grenzenlosigkeit, als sie der Araber in seiner
Wüste, der Tibetaner auf seinen Hochebenen hat. Zeitlose Unendlichkeit des

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