Deutscher Wille: des Kunstwarts — 31,3.1918

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der Ekstase, und Schlackeu zeigt sie nicht selten auch an den schönsten Stellen. Bis
zu welcher Höhe sie stellenweise kommt, davon zengt eine Probe in unserer
Rundschau. Es hat Hauptmann immer an Süße der Rede gefehlt, ilnd wo
er sie hatte, erkanste er sie fast regelmäßig mit Trivialität. Hier wäre höchste
Süße und zugleich gewaltsamste Wucht gefordert gewesen. Lr sucht sie an den
entscheidenden Stellen zu erzwingen. Aber er bleibt doch allzu lange stecken in
jener Technik, die Stück an Stück, Bild an Bild reiht, durch Zwischensätze zweck-
lose Erläuterungen bietet, neben fragloser Gestaltung immer wieder Zergliede-
rung gibt und neben großem Schauen genaue, allzu genaue Beobachtung. Vielleicht
scheut er aus gutem Grunde das Pathos des Klangs, den Hebel eines zauber-
starken Rhythmus, aber er hat kein grundsätzlich neues und eignes Mittel, um
ohne diese beiden die Größe des Vorwurfs ganz groß nnd kühn darzustellen.
Dennoch und trotz alledem bleibt das Gefühl bestehen, daß diese Erzählung
eine dichterische Tat ist. Neben die zahllosen Verkündigungen überlieferter und
'noderner Werte und Gebote setzt Hauptmann seherisch sinen Versuch: den
Glauben an Eros und Bakchos zu befeuern. Ezard Nidden

Orient und Okzident. 2

Orient hat allenthalben Riesenausmaße. Wie die gewaltigen Höhen
Iseiner schneeweißen Bergesgipfel riesige Schatten werfen, so zeigen sich
'^^neben den Vorzügen, die wir im vorhergehenden Aufsatze geschildert
haben, schwere Tlachteile beim Vergleich mit dem Abendlande.

Der Morgenländer neigt im allgemeinen zur pessimistischen, der Abendländer
zur optimistischen Weltanschauung. Ich sage ausdrücklich im allgemeinen.
Denn wenn auch Schopenhauer ähnlich wie der Inder sagt, daß alles Leben
leidvoll und sinnlos sei, wenn er auch das Leben nur ansieht als den Ausdruck
eines ziellosen, dumpfen, blinden Weltwillens, dem es so bald wie möglich zu
entrinnen gilt, wenn auch ihm verwandte Stimmen schon im Mittelalter
und noch vorher bei uns erklangen, so bewahrt doch im ganzen Luropa selbst
eine Lebenshaltung, die in dem Gedanken ihre Rechtfertigung findet: alles
Leiden und Kämpfen auf dieser Erde dient der allmählichen inneren Vervoll-
kommnung des Menschen. Nicht finn- und zwecklos scheint dieses Dasein uns,
sondern eine harte Schule, welche die Menschheit zu immer reinerer Ent-
faltung ihrer selbst bringt. Der Mensch ist der Gestalter der Erde, soweit sie
reicht, er ist das Schicksal für seinen Planeten. Für Enropas Menschenkinder
ist die Persönlichkeit das „höchste Glück", nnd wie der Präger dieses Ge-
dankens sagt: „Tätigkeit ist, was den Menschen glücklich macht". Für den Orien-
talen gilt das nicht in gleichem Maß. Die Lebenshaltung, die dort herrscht,
empfängt ihre Richtung nicht von dem Impuls einer fröhlichen inneren
Zielstrebigkeit. Sie steht der Forderung des Erdendaseins oft nicht nur gleich-
gültig gegenüber, sondern feindlich. Der Islam, zwar eine auf das praktische
Leben abzielende Religion, läßt stark den Fatalismus unter den Seinen
wuchern: Äber allen Gläubigen liegt das von Gott, dem hin- nnd herfahren-
den Weltdespoten, verhängte Schicksal, gegen das der Mensch nicht aufkommen
kann. Er muß den Weg wandeln, der ihm durch die Willkür Allahs nn-
erbittlich bestimmt ist, die keine eigentliche Entwicklung auf Erd*n zuläßt. Der
Mensch ist hier nicht der Erde Meister. Anders, sollte man meinen, müßte
es in Lhina stehen. Die dort verbreitete Religion Konfutses ist durchaus politisch
gerichtet. Ihr höchstes Ziel ist die Wohlfahrt des Staates, aus der sich das
Glück des Linzelnen erst ergibt und ergeben darf. Aber diese Religion, die in
China und Iapan weiteste Derbreitung gefunden hat, ist in ihrer Auswirkung
sehr gelähmt worden dnrch den unten noch zu kennzeichnenden Buddhismus,
der mit ihr ständig in Wettbcwerb steht. Immerhin: mag nicht das un-
crhörte Erwachen Iapans aus dem Schlafe des Quietismns zum großen Teile
dem in seiner Volksseele schlummernden und nun entflammten Geiste Kon-
futses zu verdanken sein? Wird etwa auch China, in dem jetzt gewaltige
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