Deutscher Wille: des Kunstwarts — 31,3.1918

Page: 138
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gewinne, die bis zn 30 v. H. ihres Betrages zur Deckung der Kriegslasten
herangezogen werden. Während bei uns in Deutschland die Kriegsgewinn--
steuer bis zum Schluf; des abgelaufenen Etatsjahres etwa 5,7 Milliarden erbracht
hat und die Kriegssteuer der Gesellschaften für das Iahr l9I.S/l9 mit etwa
600 Millionen veranschlagt ist, hat die gleiche Steuer in Lngland in dem
ahgelaufenen Finanzjahre allein etwa 4,4 Millarden ergeben uud sie soll im
laufenden Iahre sogar volle 6 Milliarden einbringen." Während des Krieges
haben sich die Folgen dieses Systems gezeigt: „In den vier Iahren seit Kriegs--
beginn hat England seine Einnahmen auf mehr als das Vierfache des Frie-
densbetrages zu steigern vermocht. Seine Einkünfte reichen heute bereits
nicht nur zur Deckung aller dauernden Ausgaben, einschließlich der Verzinsung
sämtlicher während des Krieges aufgenommener Anleihen, sondern darüber
hinaus blieb noch in jedem Fahre ein ansehnlicher Betrag für die Bestreitung
unmittelbarer Kriegsausgaben übrig. Von M,2 Millionen Pfund im Iahre
sind diese Einnahmen auf 707,2 Millionen Pfund im Iahre iZjc/jS ge-
stiegen, nnd sie sollen nach dem Voranschlag für das am I. April begonnene
neue Finanzjahr eine weitere Erhöhung um >55 auf 342 Millionen Pfund,
das sind rund >7 Milliarden Mark, erfahren." So stand und steht es „drüben"
zu derselben Zeit, während deren in Deutschland schwer darum gekämpft wird,
durch von der Obrigkeit vorgeschlagene, wiederum indirekte Steuern nirr
einen Teil dieser Summe aufzubringen?

Vergleiche wie diese haben den Vorteil, das unklare (verschleierte) Shstem
durch die Darlegung des Gegenbeispiels hell zu beleuchten, heller als eine noch
so ausführliche Darstellung des einen Systems allein. Ob das englische Shstem
wirklich das Vorbild für ein künftiges dentsches Shstem sein soll, mag man
dahinstellen. So schwer es unsereinem wird, sich in solche Köpfe hineinzudenken»
wir wollen doch nicht bestreiten, daß es ehrlich Aberzeugte geben kann, die
unser Shstem sogar „gerechter" finden. Die es tatsächlich „gerechter" finden, daß
die ungeheure Mehrzahl der armen und minderbemittelten Volksangehörigen eine
im Verhältnis zu ihrem Einkommen viel drückendere indirekte Steuer zahlt,
als die kleine Minderheit der Reicheren und Reichen. Und selbst eine für die
Armeren viel ungünstigere Staffelung der direkten Steuer mag man vom
Standort irgendeiner Welt- und Lebensanschauung her verteidigen können.
Eins aber bleibt unbestreitbar: je verschleierter das System, um so ver-
schleierter die Steuerkämpfe jeder Art; der Verlogenheit, sie sei bewußt oder
unbewußt, leistet die Verschleierung den größten Vorschub. In England stehen
sich die verschiedenen Interessen nicht minder scharf gegenüber als anderswo.
In Deutschland aber verstecken sie sich in neunzig von hundert Fällen hinter
Phrasen, deren Lebensbedingung ein längst veraltetes Shstem ist. Möge bald
eine Wendung geschehen, welche die Erbitterung der Steuerkämpfe auf ihr
notwendiges Maß herabsetzt und dem deutschen Volk den gebührenden Aber-
blick über eine seiner wichtigsten Lebensbedingnngen erleichtert. Str.

Noch einmal: „Ist Mehrheit Llnsinn?"

/^^chumann fragt im I. Ianuarheft mit Bezug auf das bekannte Zitat aus
l^^^„Demetrius": „Wer sind nun die »Wenigen«, die Verstand haben? Etwa

die Vertreter unserer Minderheiten? Im Reichstag in Berlin wäre
dann der »Unsinn« bei zwei Dritteln der Abgeordneten, der »Verstand« bei
einem Drittel." Anü er zerlegt dann wieder die Parteien und Parteigruppen
in Mehrheiten und Minderheiten, um ein ergötzliches Durcheinander und
Nebeneinander von Verstand und Ansinn in jeder konstruieren zu können.
Ist das wirklich der Weg, um dieser schwerstwiegenden unserer politischen
Grundfragen beizukommen?

Zunächst einmal: Dem Sinn des Wortes, das Schiller dem Fürsten Sapieha
in den Mund legt, wird Gewalt angetan, wenn es gedeutet wird als Gleichung:
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