Deutscher Wille: des Kunstwarts — 31,3.1918

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schweigen alle Bedenken. Denn hier wird ja mit der Tragik derer, „die
eigentlich nicht wollen", die sich aus Lebensdrang oder höherer Erkenntnis
gegen den Tod, auch den fürs Vaterland, stemmen, das Heldentum heiliger
Notwendigkeit nur um so tiefer aus dem Wurzelboden elementarer Mensch--
lichkeit hervorgegraben. Ich rede nicht von der szenischen Hilfe, die das
Wort des Dichters von der Bühne, zumal der Regiekunst Reinhardts, er-
fährt, obwohl auch die hier außerordentlich ist, ich meine allein die seelische
Wucht, die da im drängenden Geschehen, im Wirken von Mensch zu Mensch
befreit, gehoben, gesteigert, geläutert wird. Rein, von dieser „Tragödie", an
deren Anfang das helle Wort steht: „Wenn einmal Sonne Mannheit aus->
schwebt zum Mittagspunkt, ist Ähnung nur ein übler Dunst im klaren Bau
der Welt" und über deren letztes Sterben hin der jubelnde Ruf erklingt:
„Die Schlacht geht weiter, hörst du? Mach deine Augen noch nicht zu!
Ich habe gut geschossen, wie?" brauchen wir keine Gefahr für unser
Vaterlandsgefühl, keine Zermürbung unsres Kampf- und Siegeswillens zu
befürchten.

Auch keine unnütze oder verderbliche Reizung unsrer Wunden, die nur zu
Schwären oder Eiterbeulen führen könnte. Die Zuschauermenge der Berliner Auf-
führung des „Iungen Deutschlands" war groß genug, um auch darin die
Dresdner Probemit gleichem Ergebnis zubestätigen. Gewiß war dieGewalt dieses
Miterlebens so mächtig, daß man mit allen Fibern und Fasern förmlich
mit in den Sturm des Geschehens gerissen wurde, aber am Ende sänftigte
sich diese Erregung unter den Schauern eines von obenher strömenden
Ewigkeitsgefühls zu einer tiefen Ergriffenheit, die selbst allen wohlverdienten
Beifall für Werk und Spiel zum ehrfurchtsvollen Schweigen dämpfte. Ieden
ernsten Bühnenleiter, vor den die Ausgabe hintrat, dies Stück seinem
Lebenselemente, der Bühne, zuzuführen, würde ich jetzt pflichtvergessen
schelten müssen, wenn er sich ihr entzogen hätte. Aber auch zögern durfte
er nicht. Denn aus der Zeit geboren, mußte diese Dichtung auch der Zeit
gegeben werden. Das forderte ebenso gebieterisch wie der Glaube an die
einheitliche Wahrheitskraft des Vaterlands- und Menschheitsgefühls die Äber-
zeugung von der nicht quälenden, sondern heilenden Erhebungs- und Läute-
rungskraft jeder echten Dichtung. Hier ist mehr als ein „junger deutscher
Dichter von Bedeutung, dem die Bühne zum Wort verhelfen muß", hier
ist ein aus Schmerzeu geborener, über Schmerzen triumphierender Seher und
Deuter der Zeit, dem Ohr und Herz zu verschließen Feigheit wäre.

Friedrich Düsel

Freskomalerei

als verloren gegangene hohe Kunst

^H-^ur in Verbindung mit der Verweichlichung und Wohllebigkeit der
s letzten Iahrzehnte wird man das Ausfallen unserer Freskomalerei
^ ^verstehen.

Lragik lag ja auf ihren Schöpfungen immer. Aus welcher Herbe und inner-
lichen Lrschütterung heraus schaffte Michelangelo seine Sixtinafreskenk
Gramvoll verbittert endete der geschickteste aller Freskomaler, Annibale de
Earacci, als ihm der geizende Kardinal für die Bilder der Farnesina Bettel-
belohnung überwies. Das flächeninhaltlich größte Fresko, im Bürgersaale
Münchens von Martin Knoller gemalt, wurde vor einigen Iahren zu vollem
Verderb restauriert. Der Einsatz der Corneliusschule unter dem ersten Lud-
wig, die das Fresko wieder über den Brenner brachte, verlief an der Be-
quemlichkeit der Maler im Sande. Mit llnverständnis hatte es Rethel zu
tun, als er seine Fresken in Aachen malte, und kurz nach seiner geistigen
Umnachtung sollten sie laut Ratsherrnbeschluß übertüncht werden. Des ge-
borenen Freskomalers Hans von Marees Lebenssehnsucht konnte nur im
deutschen Aquarium zu Neapel sich offenbaren, da.die Heimat seiner Kunst
keine Wände gab.
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