Deutscher Wille: des Kunstwarts — 31,3.1918

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Wasser. Genügsamkeit: das bedentet keine Askese. Das Tragische an der Un--
genügsamkeit Europas, die hauptsächlich die Ursache des Weltkrieges ist, liegt
darin, das; die Kultur den Menschen, ihren Schöpfer, schließlich zu ihrem
Geschöpf macht. Wir herrschen nicht über die Kultur, sonüern wir leiden an ihr.
And doch wünschten wir eine kulturbeherrschende Menschheit zu werden. Zudem
kann die Frage der Genügsamkeit noch einmal für Orient und Okzident welt-
politische Bedeutung annehmen. Der gegenwärtig tobende Weltkrieg hat das
Gesetz aufgestellt: im Kampfe bestimmt der Entsagungsfähigste und Ent-
sagungswilligste Ton urid Sitte; und darüber hinaus steht bei ihm die
Siegesgewißheit. Was wird geschehen, wenn die fünfhundert Millionen gelber
Völkerschaften, wohl „die entsagungsfähigsten und entsagungswilligsten der
Erde"*, sich erst einmal aufraffen wollten zum Kampe gegen Europa?

Der Orientale weiß von Dingen zwischen Himmel und Erde, von denen
sich unsre europäische Schulweisheit nichts träumen läßt. Man fürchte nicht,
ich wolle hier dem Spiritismus und Geisterglauben das Wort reden. Zweifels-
ohne gedeiht in Indien viel okkultes Unkraut, das schon auf den geistigen
Boden Europas hinübergepflanzt wurde und die Geister zu verwirren droht.
Aber könnte unser wissenschaftliches Verhalten von heute nicht vom Orient her
neue, belebende Hinweise erhalten? Wieviel Stimmen in Europa klagcn mit
Walther Rathenau über eine „Mechanisierung des Geistes"! Haben wir nicht oft
über Methode und Stoff das Leben, das wir mit und in ihnen suchen, verloren,
habeu wir die Akaterie nicht so zerwühlt, daß wir selbst chie Gänge zerstörten,
die in die Tiefen des Daseins leiten? Wir hören von den unfaßlichen,Fähig-
keiten der iyogins, wir lesen in den Reden Buddhas, wie uns nnbekannte
geistige Methoden zu ganz neuen Schauungen in die kosmischen Zusammen-
hängc führcn. Es ist leicht, darüber zu lachen und mit der erhabenen Geste
des ncunmal Klugen zur Tagesordnung überzugehen. Wenn hier Wege zur
Erkenntnis gingen, die das Maschinenartige des europäischen Denkprozesses
zur vollcn Seelenhaftigkeit ergänzten? Wie gering hat man früher die Kunst
des Morgenlandes geachtet,- es ist noch kein halbes Iahrhundert her, daß man
ihrer Größe näherkam. Auch die Erfahrungen mit dem „erwachten" Intellek-
tualismus des sehr „praktischen" und sehr „hellen" und doch durchaus orien-
talischen Iapans sollten uns davor bewahren, die Anlage der Orientalen zuur
Denken und zur Wissenschaft von vornherein absprechend zu werten.

Das sind einige der Gegensätze zwischen Orient und Okzident, bei deren
Vergleichung durchgängig das Abendland schlechter wegkommt. Stehen etwa
wir Europäer gegenüber dem Morgenländer als die Sünder der Menschheit
da? Früheren Zeiten schien es tatsächlich so, die Forschung seit Herder, zumal
die Romantik, wurde nicht müde, alles Lichte und Gute auf seiten des Morgen-
landes zu sehen, das dem verdorbenen und verderbenden Europa als Muster
hinzustellen sei. Unbefangene Forschung hat gezeigt, daß im Gegenteil das
Licht des Orients von finsteren, schweren Schatten begleitet wird, von Schatten,
die das Morgenland seinerseits nur dann verscheuchen kann, wenn es in diesen
Bezichungen vom Abendlande lernt. Von diesen Unterschieden zugunsten
des Abendlandes soll in einem zweiten Aufsatze die Rede sein.

P. Th. Hoffmann

* Vgl. H. Herter, Tragik im Völkerkampf. Kunstwart XXXI -s, s09ff.

Der Geist Frankreichs vor dem Kriege

/2^iner von jenen, dcr das Wesen der Franzosen und auch das der Deut-
U^schen am reinsten nachzuempfinden vermochte, ist Romain Rolland. Mir
^>^kam die Äbersetzung des dritten Bandes seines „Iean Ehristophe" in
die Hand, die Otto und Erna Grautoff vortrefflich besorgen (Frankfurt, Rüt-
ter L Loening, (9(7) und trat damit die ganze Absicht des Buches vors Auge:

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