Deutscher Wille: des Kunstwarts — 31,3.1918

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Italien war ihm das Land der großen Menschlichkeit und die italienische
Form eine von den ganz hohen Offenbarnngen in der Wcltgeschichte, deren
weiterzeugende Kraft noch lange nicht erschöpft sen Die Majestät gotischer
Kathedralen hat er auch empfunden, aber mit dem Beengten, Abhängigen,
Eingebundenen in der nordischen Kunst wollte er nichts zu tun haben. Selbst
Rembrandt bedeutete ihm wenig. Man mag das bedauern, wenn man aber
urteilen will, so muß man Burckhardt mit seinen Zeitgenossen nnd nicht mit
seinen Nachfolgern vergleichen. Unü jedenfalls war sein Nomanismus kein
blutloses Schwärmen für die edle Linie, sondern eine Sehnsucht nach der in
sich ruhenden Schönheit, wie sie als uralter Bestandteil germanischer Art in
der nordischen Knnst immer wieder durchbricht. Zweifellos hat Burckhardt in
seine Bildnng viel romanische Elemente aufgenommen (und auch in seinem
wundervoll geformten Kopf lag etwas, was an romanische Thpen erinnern
konnte), allein die Krast seiner Empfindung für das klassische Ideal kam
eben daher, daß er so fest auf deutschem i- besser gesagt: oberdeutschem >—
Boden stand. Wer die Innigkeit und den Humor eines Hebel oder Mörike
so genießen konnte, wie er, der ist sicher chn echter Alemanne gewesen. Seine
schriftstellerische Technik ist zugestandenermaßen von französischen Mustern nicht
unabhängig gewesen, allein seine Sprache ist ganz und gar nicht international.
Was die Franzosen so gerne für sich in Anspruch nehmen, die „clarte latine",
ist bei ihm in hohem Grade vorhanden, aber darüber hinaus besitzt er eine
eigene, sprichwortähnliche Schlagkraft des Ausdrucks, die namentlich seine
früheren Bücher zu Mustern deutscher Prosa macht, Es ist erstaunlich, wie
leicht sich Burckhardtsche Sätze ins Ohr hängen. —

Die Wirkung in die große öffentlichkeit hat er eher gescheut als gesucht.
Aber mit Leib und Seele war er Lehrer. Ganz frei, in einem wundervoll
lässigen Sprechton hielt er seine Vorlesungen. Was er gab, waren Resultate,
nicht Antersuchungen. Auf seminaristische Abungen hat er sich nie eingelassen,
und ebensowenig wollte er mit Fachgenossen sich kollegial zusammentun. Er
hatte von dem Lharakter des Durchschnittsprosessors keine besonders günstige
Meinung und fürchtete wohl auch für seine persönliche Anabhängigkeit. Von
jeher geneigt, mehr mit den Originalschriften und den Denkmälern selbst sich
abzugeben, als mit der wissenschaftlichen Literatur, die sich daran anschloß,
konzentrierte er seine Kraft im Lauf der Zeit immer mehr auf die unmittelbare
Anschauung menschlicher Kultur. So gelangte er zu einer höchst universalen,
ihm allein eigentümlichen Bildung. Da gab es keine toten Massenansamm-
lungen, alles bei ihm war persönlicher Besitz und sein Leben ein beständiges
Wachsen nnd Reicherwerden der Seele. Frei von äußerlichem Ehrgeiz, genoß
er für sich das Glück einer völlig harmonischen Bildnng.

Ls paßt nicht für Burckhardt, ihn einen Weisen zu nennen — das Wort
klingt zu anspruchsvoll —, aber er ist üllerdings zu einer Lebensweisheit ge-
langt, die bei Gelehrten selten ist. And so können wir wohl wünschen, er
möchte mehr und noch viel Freieres geschriehen haben: für ihn ist das Wesent-
liche nicht das gewesen, was er hat drncken lassen, sondern was er von Tag
zu Tag gelebt hat. Seine Bücher sind nur Bruchstücke, das Ganze war das
Kunstwerk seiner Persönlichkeit. Heinrich Wölfflin

Der Ketzer von Soana

>^^s ist nicht mehr als eine Binsenwahrheit, daß die Liebe seit den Lagen
U^wdes ersten 'Aufleuchtens der persönlichen Lyrik, seit Indiens Anfängen,
dem Hohen Liede, seit — jeher die Dichter aller Zeiten beflügelt,
ihnen Kraft und Stoff gegeben habe. Nicht ebenso geläufig ist ims, daß nur
recht wenige Dichtungen in Wahrheit rückhaltlos die unverschleierte Geschlechter-
liebe im eigentlichen Sinn des Wortes „verherrlichen". Der Orient ist darin
unbekümmerter als das Abendland, der romanische Süden unmittelbarer als
der europäische Norden. Beide aber bleiben oft, allzuoft für unser Empfinden,

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