Deutscher Wille: des Kunstwarts — 31,3.1918

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Bin etn Gras im winde,

xerlentanLedeckt,

ich i>in eine Rinde,

-ie voll Rnosxen steckt.

wi« die Vogeltehle
bin ich lieöervoll:
freu' dich, meine Seele,
rvas noch kommen soll!

Vom tzeute fürs Morgen

Etnsamkeit

ie Menschen der Hegenwart haben
Scheu vor der Einsanrkeit. Das
ist kein gutes Anzeichen. Denn es
bedeutet, daß sie nicht allein mit sich
selbst sein können. Die Gesellschaft der
anderen dient ihnen als Schutzmittel
vor sich selbst. Irgendwo in der Tiefe
ihres Wesens vernehmen auch sie zn
Zeiten die Aufforderung zur Samm--
lung und zum Beisichfelbstsein, aber
sie übertönen sie durch den Drang
nach Zerstreuung und Veräußerlichung.
Sie fühlen die Leerheit und Nichtigkeit
ihres Wesens, die Haltlosigkeit und
Unselbständigkeit ihrer Seele und wol-
len sich eben das am wenigsten ein-
gestehen. Aber dem Tempel zu Delphi
stand das Wort: Erkenne dich selhst!
Sie sind im Gegenteil entschlossen, sich
selber nicht kennen zu lernen, weil sie
die Itnerfreulichkeit dieser Selbstschau
ahnen.

Noch weniger als mit sich selbst
wollen sie mit Gott beisammen sein.
Wie wollten auch die vor dem ewigen
Auge bestehen, die den eigenen Blick
nicht ertragen können! Ein wie immer
geartetes Gegenüber von Gott und der
Seele bedeutet für diese die unent-
rinnbare Nötignng zum Anderswerden.
Aber sie wollen sich nicht ändern.
Darnm versuchen sie wie die Gewis-
sensstimme so vollends die Gottes-
stimme zu überschreien. Da macht man
gemeinsam politischen oder sozialeu
oder ästhetischen Lärm. Es muß so
laut in der Welt zugehen, damit die
Stimmen der Einsamkeit nicht gehört
werden.

Gewiß, die Einsamkeit hat auch ihre
Gefahren. Klopstock hat sie mit dem
Becher der Freude in der Rechten nnd
dem wütenden Dolch in der Linken

gesehen, und ganz ähnlich hat Raabe
sie als Madonna und Eiserne Iung-
frau kennen gelernt. Aber wir mo-
dernen Menschen bedürfen weniger der
Warnung vor ihr als des Mutes, es
mit ihr zu wagen. Gerade weil es
für uns längst keine Klosterzelle mehr
gibt, müssen wir uns eine stille Ka-
pelle in unser Leben hineinbauen, in
der wir immer wieder einkehren. Wir
brauchen für die Pflege unsres Innen-
lebens wenn auch noch so knrze Zeiten
der Einsamkeit, die wir uns herzhaft
aussondern und die wir klug aus-
nützen müssen, indem wir große Ge°
danken und tiefe Eindrücke auf uns
wirken lassen. Haben wir es am Tage
ausprobiert, was es für uns bedeuten
kann, etwa ein Swigkeitswort wie Son-
nenstrahlen auf uns wirken zu lassen,
dann werden wir uns bald mit schlaf-
losen Stunden der Nacht befreunden
und aus ihnen mehr Kraft gewinnen
als aus dem Schlummer.

Die Natur spricht uns nur in der
Einsamkeit ihre lehten Geheimnisse aus.
Was eine gotische Kirche ist, weiß wohl
nur, wer einmal eine stille Stunde in
ihr weilte, bis Leben und Bewegung
in die Pfeiler und Gewölbe kam und
es ihn wie heilige Musik umrauschte.

An Richard Wagners Parsifal hat
mir immer die Darstellung einer Ritter-
schaft den stärksten Eindruck genmcht,
die von ihren Welttaten zurückkehrt
zum Gralstempel, um sich hier neue
Kraft der Hilfe und Liebe zu holen.
Wenn unsre Gefangenen und Ver-
wundeten die ihnen aufgenötigte Ein-
samkeit schätzen und nützen könnten,
würden sie mit gestärkter Seele ein-
mal ins Leben mit seinen Aufgaben
des Ertragens und Entsagens zurück-
kehren.
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